SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Phase 1 - Forschungsaktivitäten 2016-2020


C1: Spätmesolithische und Neolithische Transformationen in der nordmitteleuropäischen Tiefebene



Teilprojektleitung: Dr. Sönke Hartz, Prof. Dr. Johannes Müller
Mitarbeitende: Dr. Jan-Piet Brozio
 

 

2016

Im Sommer 2016 wurden mit geophysikalischen Prospektionen (G2), Ausgrabungen und paläoökologische Analysen (B2, F2, F3) am neolithischen Siedlungsplatz Oldenburg LA 232 im westlichen Oldenburger Graben bei Oldenburg i.H die Untersuchungen im Projekt C1 begonnen. Das langgestreckte Feuchtgebiet des Oldenburger Grabens wurde vor 5000 Jahren durch einen Fjord geprägt, der sich anschließend zu einer Lagune wandelte. In dieser durch Inseln und Halbinseln geprägten Landschaft sind eine Vielzahl von Siedlungsplätzen aus dem Mesolithikum und dem Neolithikum bekannt.

Ausgrabung mit Grabungsbrücken
Abb. 1. Durch „Grabungsbrücken“ wurden die Schichten und die darin konservierten Holzartefakte des Siedlungsplatzes während der Ausgrabung nicht belastet . (Foto: J.P. Brozio)

Da der untersuchte Fundplatz im jüngeren Neolithikum auf einer Halbinsel in einer Lagune lag, haben Torfschichten und Mudden im Laufe der Zeit die ehemaligen Uferbereiche überdeckt, wodurch sich organischen Artefakte wie Hölzer erhalten haben. So konnten durch die Ausgrabungen Pfeilschäfte und Elemente ehemaliger Holzkonstruktionen der späten Trichterbecher-/Store-Valby-Gruppen und Einzelgrabgesellschaften aus dem Zeitraum zwischen 2900 und 2600 v. Chr. geborgen werden.

Archaeologie Ausgrabung CRC 1266 Scales of Transformation
Abb. 2. Rekonstruktion des Siedlungsplatzes Oldenburg LA 232 in seinem lokalen Umfeld im westlichen Oldenburger Graben. (Brozio et al. 2018)

Auf der ehemaligen Insel wurden zudem Pfostenverfärbungen von Häusern sowie Vorratsgruben aus der Zeit der Trichterbechergruppen zwischen 3330 und 3100 v. Chr. dokumentiert. Die Ergebnisse wurden in der Prähistorischen Zeitschrift, 2018, 93(2) 185-224, veröffentlicht (Link auf https://www.degruyter.com/view/j/prhz.2018.93.issue-2/pz-2018-0007/pz-2018-0007.xml).

2017

Obgleich das Duvenseer Moor in Norddeutschland vor allem durch seine mesolithischen Fundplätze international bekannt ist (B2), liegt am Ufer einer durch das Projekt G2 geophysikalisch erfassten ehemaligen Insel der jungsteinzeitliche Platz Wohnplatz 15.

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Abb. 3. Das Luftbild zeigt die Grabungsschnitte, die zur Erfassung der Ausdehnung des jungneolithischen Wohnplatzes 15 im Duvenseer Moor angelegt wurden. (Foto: J.P. Brozio)

Die dokumentierten Artefakte verweisen auf Werkplätze, die aufgrund der Zusammensetzung, unterschiedliche Abschnitte der Herstellung von Flintgeräten nahelegen. Darüber hinaus belegen eine Schleifplatte sowie Produktionsabfälle auch die Herstellung größerer Geräte wie Beile. Trotz der hohen Fundanzahl ist dem Platz aufgrund fehlender Baustrukturen eine saisonale Nutzung zu unterstellen. Der zwischen 2700-2200 v. Chr. aufgesuchte Fundplatz gehört damit zu einer Kategorie von Plätzen, die vor 4500 Jahren gezielt in Feuchtgebieten in der Norddeutschen Tiefebene aufgesucht wurden.

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Abb. 4. Impression der Ausgrabung im Duvenseer Moor. (Foto: J.P. Brozio)

An der Ostseeküste zwischen Kappeln und Eckernförde in Schleswig-Holstein fanden - im Anschluss an die Untersuchungen des jungsteinzeitlichen Siedlungsplatzes in Duvensee - weitere Ausgrabungen statt. Die Fundstelle Brodersby-Schönhagen ist an drei Seiten von Feuchtgebieten umgeben und war im Neolithikum eine Insel oder Halbinsel in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Küstenverlauf der Ostsee. Der Siedlungsplatz wird von einem Laufhorizont bedeckt, die sich durch eine hohe Anzahl von Funden und Aktivitätsarealen, wie Werkplätzen für die Flintproduktion, auszeichnet. In den feuchten Randbereichen der ehemaligen Geländeerhöhung haben sich zudem Knochen und daraus hergestellte Werkzeuge erhalten.

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Abb. 5. Die Funde der Ausgrabung am Siedlungsplatzes Brodersby-Schönhagen umfassten neben Knochen und Geweih vor allem Gefäße und Flintartefakte. (Foto: A. Heitmann)

Das Fundmaterial umfasst mehr als 9000 Flintartefakte sowie mindestens 39 Gefäße. Verzierte Keramikscherben, Beile und 14C-Datierungen verweisen auf eine Einordnung des Siedlungsplatzes Brodersby-Schönhagen in den Zeitraum 2950-2750 v. Chr. Damit handelt es sich um einen Platz aus dem Übergang vom Mittel- zum Jungneolithikum im dritten Jahrtausend v. Chr. Ein Prozess, der zu den die gesellschaftlichen Organisationen am stärksten verändernden Transformationen im norddeutschen und südskandinavischen Neolithikum gehört und im Fokus des Projektes C1 steht.

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Abb. 6. . In der ehemaligen Uferzone haben die Menschen vor 5000 Jahren ihre Abfälle, wie zum Beispiel zerbrochene Keramikgefäße, entsorgt. (Foto: J.P. Brozio)

2018

Um eine hochauflösende Rekonstruktion der spätmesolithischen bis neolithischen Siedlungslandschaft des Oldenburger Grabens und den damit verbundenen Transformationsprozessen durchführen zu können, wurde ein weiterer Fundplatz am Randbereich des Oldenburger Grabens untersucht.

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Abb. 7. Im Luftbild der Grabungsfläche im März 2018 zeichnen sich die Befunde als dunkle Verfärbungen im hellen Sand ab. (Foto: J.P. Brozio)

Der durch Oberflächenfunde bekannte Platz liegt in unmittelbarer Nähe zu dem im Sommer 2016 durch das Teilprojekt ausgegrabenen jungneolithischen Fundplatz Oldenburg LA 232. Neben einer Aufsuchung im Mesolithikum ist auch eine neolithische Nutzung des Platzes belegt. Zeitgleich zur Ausgrabung erfolgten archäobotanische Untersuchungen zur Erfassung von organischen Makroresten aus den Befunden durch das Teilprojekt „Dynamik der Pflanzenökonomie in prähistorischen und archaischen Gesellschaften“, um den damaligen Nahrungserwerb und entsprechende landwirtschaftliche Praktiken zu rekonstruieren (F3).

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Abb. 8. Im Hintergrund der Grabungsfläche ist ein Ausschnitt der heute verlandeten Lagunenlandschaft des westlichen Oldenburger Grabens sichtbar. (Foto: J.P. Brozio)

Gemeinsam mit dem Projekt A2 konnte darüber hinaus am Beispiel der Region Wagrien in Ostholstein herausgestellt werden, dass Platzkontinuitäten von Siedlungsplätzen ein entscheidendes Kriterium für das Verständnis von neolithischen Transformationsprozessen in der Norddeutschen Tiefebene (https://www.mdpi.com/2073-445X/8/4/68.) darstellen.

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Abb. 9. Unterschiede in der absoluten Lage von Fundstellen in Wagrien während verschiedener Transformationsperioden. (Knitter et al. 2019)

2019

Am Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends sind fundamentale soziale Veränderungen in der Norddeutschen Tiefebene und in Südskandinavien zu beobachten. So entstehen in diesem Raum am Ende der Trichterbechergemeinschaften um 3000 v. Chr. neue Phänomene wie der Store-Valby-Stil, die Kugelamphoren und Einzelgrabgesellschaften. Die damit verbundenen sozialen und ökonomischen Transformationen standen im Fokus des internationalen MN-V Workshops vom 27. bis 28.02.2019.

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Abb. 10. Ankündigung des MN-V Workshops im Februar 2019. (Grafik: C. Reckweg)

Organisiert wurde dieser vom SFB Mercator Fellow Niels Nørkjær Johannsen, Universität Århus, Jan Piet Brozio und Johannes Müller aus dem Projekt C1 und A1. Dafür fanden sich 15 Experten aus Deutschland und Südskandinavien sowie ein interessiertes Fachpublikum zusammen und diskutierten an zwei Tagen unterschiedliche Aspekte dieses weiträumigen Phänomens.

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Abb. 11. Die Teilnehmer des internationalen MN V Workshops in Kiel kamen aus Südskandinavien und Norddeutschland. (Foto: C. Reckweg)

Die Lokalisierung und Untersuchungen von Siedlungsplätzen des dritten vorchristlichen Jahrtausends in der norddeutschen Tiefebene stehen im Fokus des Projektes Spätmesolithische und Neolithische Transformationen in der nordmitteleuropäischen Tiefebene. In diesem Rahmen erfolgten im März 2019 archäologische Voruntersuchungen in Westre, bei Flensburg im Kreis Nordfriesland in unmittelbarer Nähe zur deutsch-dänischen Grenze. Der Fundplatz war schon seit mehreren Jahren durch Sammler begangen worden und zeichnet sich durch ein umfangreiches lithisches Fundmaterial der Einzelgrabgesellschaften zwischen 2800 und 2200 v. Chr. aus.

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Abb. 12. Durch insgesamt fünf Grabungsschnitte wurde der Fundplatz bei Westre systematisch prospektiert. (Foto: J.P. Brozio)

Die Untersuchungen erfolgten systematisch durch fünf, bis zu 80 m lange, nebeneinanderliegende Grabungsschnitte. Es wurden aber keine neolithischen Befunde wie Gruben oder Pfostenverfärbungen aufgedeckt. Mehrere sich klar abzeichnende Strukturen im Boden erwiesen sich als Reste ehemaliger neuzeitlicher Feldbefestigungen.

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Abb. 13. Impression der Ausgrabung in Westre. (Foto: J.P. Brozio)

Möglicherweise handelt es sich also um ein weiteres Indiz das im 3 v. Chr. Jahrtausend keine größeren Siedlungen mehr angelegt wurden.

Vorbereitung eines Profils für die Dokumentation in Parchim-Löddigsee, Westmecklenburg
Abb. 14. Vorbereitung eines Profils für die Dokumentation in Parchim-Löddigsee, Westmecklenburg. (Foto: J.P. Brozio)

Im Sommer 2019 erfolgten weitere Ausgrabungen im Verlandungsgebiet des Löddigsees, westlich von Parchim im Untersuchungsgebiet Westmecklenburg. In diesem sich durch Feuchtbodenerhaltung auszeichnenden Gebiet erfolgten bereits in den 1980er Jahren Ausgrabungen im Bereich einer jungneolithischen Siedlung auf einer ehemaligen Insel oder Halbinselsituation. Die Untersuchungen hatten zur Zielsetzung weitere mögliche Siedlungsplätze in diesem Gebiet aufzudecken und neue Daten zur räumlichen Ausdehnung und zeitlichen Tiefe dieser Plätze in der Norddeutschen Tiefebene zu erheben. Durch Ausgrabungen und Bohrungen konnte eine heute nicht mehr sichtbare Insel aufgedeckt werden, allerdings wurde diese nicht im Neolithikum als Siedlung genutzt. Wie in Duvensee fassen wir damit auch in Parchim-Löddigsee in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. ein disperses Siedlungssystem aus vereinzelten weilerartigen Ansiedlungen die verstreut in der Landschaft lagen.

Zudem wurde im Sommer der Fundplatz Brunau im Altmarkkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt durch das Teilprojekt C1 erneut untersucht. Das auf einer Sanddüne in einem Waldstück gelegene jungneolithische Brandgräberfeld ist durch Erosionsprozesse stark gefährdet und wurde bereits im Jahr 1995 im Rahmen einer Notgrabung teiluntersucht. Während der diesjährigen Ausgrabung wurde in direktem Anschluss an die alte Grabungsfläche im Hangbereich der Sanddüne ein 40 m² großer Schnitt angelegt.

Abschließende Dokumentation der Profile
Abb. 15. Abschließende Dokumentation der Profile. (Foto: A. Pfeiffer)

Wie schon bei der Notgrabung zuvor, konnten in dem Sandboden keine anthropogenen Befunde abgegrenzt werden. Geborgen wurden wenige sehr stark fragmentierte Keramikscherben von mindestens drei weiteren Gefäßen, von denen sich zwei der Gefäße in ihrer Machart jedoch von den bereits bekannten Urnen stark unterscheiden. Das Fehlen von Leichenbrand deutet zudem darauf hin, dass es sich hierbei nicht um weitere Urnen des Brandgräberfeldes handelt. Die erste typologische Ansprache spricht für eine Einordnung in den Übergang vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit. Neben der Keramik wurden wenige Flintartefakte sowie zahlreiche Holzkohlefragmente geborgen. Letztere sollen nun mittels Radiokarbonanalysen weiteren Aufschluss über die Datierung der geborgenen Gefäße geben.