SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Forschungsaktivitäten 2016-2018

Transformationsprozesse mesolithischer Wildbeuter

Das frühe Holozän in der nordeuropäischen Tiefebene wurde traditionell als Periode stabiler Klimazone mit einigen kleineren Klimaschwankungen wahrgenommen. Lediglich das sogenannte 8.2-event wurde in Bezug auf seinen Einfluss auf mesolithische Gesellschaften diskutiert. Es fehlten jedoch direkte Beweise für dessen Auswirkungen auf die Kulturentwicklung wegen ungeeigneten Nachweisen oder Testmöglichkeiten sowie der ungenauen Datierung der bestehenden archäologischen, paläobiologischen und geologischen Chronologien und unzureichenden Verbindungen Umweltproxies. Fast alle Typochronologien für das Mesolithikum im Arbeitsbereich indirekt und somit keinen absoluten Datierungen zugeordnet, zudem war das Subsistenzspektrum nur sehr grundsätzlich verstanden.

Das Teilprojekt B2: „Transformationsprozesse spezialisierter Wildbeuter“ untersucht das Zusammenspiel sozialer und ökologischer Transformationen im frühen und mittleren Holozän in Norddeutschland mit einem Fokus auf den zunehmenden Einfluss des Menschen auf die Umwelt. Wir nutzen die verfügbaren Daten einiger gut untersuchter Mikroregionen zusammen mit neuen archäologischen und paläoökologischen Untersuchungen mit einem multiskalaren, regionalen Ansatz, der die Beziehung zwischen Umweltveränderungen, Subsistenzstrategien, Veränderungen in der sozialen Organisation und dem menschlichem Einfluss auf die Umwelt untersucht.

2016

Das Hauptziel für 2016 bestand darin, das Forschungsprogramm zum Laufen zu bringen und einen Überblick über die verfügbaren Daten im südöstlichen Schleswig-Holstein zu erhalten. Ziel war es, in der Region einen Überblick der mesolithischen Besiedlungsgeschichte zu gewinnen.

2017

2017 haben wir archiviertes und neu aufgenommenes Material aus Südost-Holstein und unserem Kerngebiet, dem heutigen Duvenseer Moor, analysiert. Dies geschah, um eine feinaufgelöste Typochronologie des frühen Mesolithikums zu erreichen, die mesolithische Landschaft besser zu verstehen und mögliche Kernregionen für die mesolithische Besiedlung zu identifizieren. Die drei Hauptschwerpunkte waren:

1. Entnahme und Analyse neuer Proben aus den Archiven von Duvensee und Südost-Holstein. Um den typo-chronologischen Rahmen zu verfeinern und die Besiedlung im Duvensee-Moor detailliert zu verstehen, wurden über 80 neue Radiocarbon-Proben ausgewählt. Neue Proben aus Duvensee halfen darüber hinaus, archiviertes Material aus alten Ausgrabungen von verschiedenen Fundplätzen besser zu verstehen und in ihrer Aussagekraft einzuschätzen.

2. Neue Untersuchung in Duvensee. Wir haben zwei bisher nicht untersuchte Fundplätze ausgegraben, um Ansätze für deren Datierung zu erhalten und sie in den chronologischen Rahmen zu integrieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Teilprojekten F3 und G2 gelang es uns, die Vegetations- und Seeentwicklung am ehemaligen Duvensee besser zu verstehen.

SFb1266 Daniel Groß erläutert die Stratigraphie von Duvensee Wohnplatz 10.
Abb. 1. Daniel Groß erläutert die Stratigraphie von Duvensee Wohnplatz 10.

3. Datenverwaltung. Die riesigen Datenmengen aus früheren Ausgrabungen wurden sortiert, bearbeitet und neu formatiert, um eine effektivere Verwendung zu ermöglichen.

2018

Im Jahr 2018 haben wir unsere frühmesolithische Schlüsselregion im Südosten von Schleswig-Holstein durch Umfragen in der weiteren Umgebung erweitert und die Ausgrabungen im Duvensee-Moor fortgesetzt. Um sich ein Bild über das potenzielle Roaminggebiet zu machen, ist das Wissen über die ehemalige Hydrologie unerlässlich. Daher wurde im Landesarchiv mit alten Karten und Chroniken intensiv gearbeitet. Wir haben dies getan, um das Stecknitztal Stecknitz zu rekonstruieren, das den alten Duvensee mit dem Elbtal verband und somit ein weites Gebiet war, das für örtliche Urmenschen gut erreichbar war. Heute wird sie durch den Bau des Elbe-Lübeck-Kanals vor etwa 120 Jahren stark verändert. Die Untersuchungen hatten zum Ziel, Gebiete innerhalb des Stecknitztals Stecknitz zu entdecken, in denen frühe holozäne Sedimente potentiell erhalten geblieben sind und mit verirrten Funden menschlicher Artefakte aus dem Mesolithikum in Verbindung standen.

Die Ausgrabung in Duvensee dauerte vier Wochen und diente der Überprüfung der Konservierung und der Fundzusammensetzung am Wohnplatz 10. Neben sechs verschiedenen Merkmalen fanden wir mehr als 4.000 Stein-, Holzkohle- und botanische Funde. Die intensive Zusammenarbeit mit F2 und G2 führte zu großen Fortschritten beim Wiederaufbau des alten Seebodens und der Entwicklung der lokalen Vegetation. Es ist absehbar, dass das Verständnis der Region durch unser Teilprojekt erheblich verbessert wird, die Verbindung aller vorhandenen Daten jedoch noch nicht abgeschlossen ist.

Die Ausgrabung  brachte über 4000 Funde hervor.
Abb. 2. Die Ausgrabung brachte über 4000 Funde hervor.

Ein weiterer relevanter Teil der Arbeit von B2 im Jahr 2018 war die Bewertung und Analyse des Materials von verschiedenen Fundplätzen aus dem Duvenseer Moor, die im Landesmuseum für Archäologie aufbewahrt werden. Wir haben die Digitalisierung von über 120 Karten und Zeichnungen von Duvensee Wohnplatz 11 abgeschlossen, die vorhandenen GIS-Modelle verbessert und die Erfassung der lithischen Artefakte fortgesetzt, so dass eine Verbindung von Fundstücken und Plänen endlich möglich ist.

Generell setzten wir unser Arbeitsprogramm fort und erweiterten unsere Fokusregion für Phase 1 (Duvensee) auf die angrenzenden Regionen. Die Erfassung und Datierung mehrerer Artefakte lieferte zum ersten Mal eine solide Typochronologie und damit Informationen über die Frequenz und Geschwindigkeit von Artefakt- und Kulturwandel im frühen Holozän. Die Daten aus der Region zeigen interessante Lücken zwischen den verschiedenen Werkzeugtypen, die mit klimatischen Ereignissen einhergehen (Bond-Ereignis 5 und 6). Folglich erreichten wir nun eine Datenbasis, um bspw. die Auswirkungen der verschiedenen Klimaereignisse auf sozio-kulturelle Entwicklungen testen können.

Eine der datierten Hirschgeweihäxte vom Fundplatz Travenhorst.
Abb. 3. Eine der datierten Hirschgeweihäxte vom Fundplatz Travenhorst.

Darüber hinaus sind wir in der geplanten Fokusregion für Phase 2 (Friesack, Brandenburg) mit ersten Untersuchungen zum Material der alten Ausgrabungen aus den 1980er Jahren unter Leitung von B. Gramsch voran geschritten. Wir führten unsere archäozoologischen Untersuchungen und in enger Zusammenarbeit mit F4 weitere Radiokohlenstoff-, Stabile Isotopen- und aDNA-Analysen von menschlichen Überresten aus Friesack 4 durch, um frühmesolithische Subsistenzstrategien zu rekonstruieren. Erste Vergleichsmodelle zur Diversität und Transformation von Subsistenzstrategien im norddeutschen Frühmesolithikum sind entwickelt worden.

Ergänzend haben wir die Untersuchungsergebnisse unseres früheren DFG-Projekts „Hohen Viecheln“ (DFG-Projektnummer 271652103), das einen Vorläufer unserer aktuellen B2-Forschung bildete, für einen Abschlussbericht zusammengefasst, der 2019 in einem Sammelband veröffentlicht wird und dessen Daten für unsere oben genannten vergleichenden Untersuchungen an frühmesolithischen Inventaren verwendet werden.