SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Phase 1 - Forschungsaktivitäten 2016-2020


A1: Theorien zu Transformationen in prähistorischen und archaischen Gesellschaften


 

Forschungsagenda

Grafik Theorien zu Transformationen
Abb. 1. Darstellung der vier konstitutiven Kategorien, ihrer theoretischen Hintergründe und Interelationen, die für die Konzeptionalisierung von Transformationsprozessen entscheidend sind. 
 

Im Projekt A1 erfolgt die Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Theorien zu Transformationen in prähistorischen und archaischen Gesellschaften, eine methodologische Bestandsaufnahme und schließlich die Entwicklung von Middle Range Theories in Zusammenarbeit mit den anderen SFB Teilprojekten. Hauptaufgabe ist die Konzeptualisierung komplexer archäologischer und paläoökologischer Faktoren in Zusammenarbeit mit den am Projekt beteiligten Disziplinen.

Forschungsergebnisse

Die Arbeiten in der ersten Phase wurden mit einem Fokus auf die Identifizierung von und Auseinandersetzung mit Paradigmen durchgeführt. Hierbei erfolgte eine enge Zusammenarbeit mit anderen Teilprojekten, um eine enge Verbindung zu empirischen Forschungsvorhaben zu gewährleisten. Einen bedeutsamen Anteil an diesen Arbeiten bildete eine reflektierte Entwickelung von Middle Range Theories, welche insbesondere im Rahmen zweier Promotionen, sowie einer Post-Doktoranden durchgeführt wurden. Die an der Schnittstelle zwischen Theorie und Empirie angesiedelten Promotionsvorhaben konnten reflektive Ansätze, sowie potentiell eurozentristische Perspektiven erfolgreich erweitert werden. Hierbei standen einerseits monumentale und megalithische Bautraditionen des Neolithikums und Chalkolithikums Europas, sowie zum anderen interkultureller Kontakt im östlichen Mittelmeerraum im ersten Jahrtausend BCE im Fokus der Betrachtungen.

 

Beide Promotionsvorhaben arbeiten Fallstudienbasiert und wurden durch Exkursionen und Forschungsreisen unterstützt, die unter anderem nach Irland und Indien führten. Die Fallstudien umfassen im Falle des Promotionsvorhabens zu Megalithik und Monumentalität die Britischen Inseln, sowie den nordeuropäischen Raum. Im Fokus des Promotionsvorhabens zum interkulturellen Kontakt im östlichen Mittelmeerraum stehen Lefkandi, Samos und Naukratis im Fokus des Interesses. Hierbei konnte das umfassende Narrativ der „Orientalisierung“ durch eine dezidierte Betrachtung unterschiedlicher Prozesse lokaler Prägung ersetzt werden.

 

Insbesondere die Entwicklung einer reflektierenden Methodik für die archäologische Philosophie erfolgte durch die Impulse, die von VPJ Arponen gesetzt wurden. Hierbei erfolgte eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Begriff des Umweltdeterminismus, die in Kooperation mit unterschiedlichen Teilprojekten vorgenommen wurde. Als eine der zentralen Forschungsdiskurse innerhalb der archäologischen Wissenschaften wurden auch Fragen nach der Konzeptualisierung und Untersuchung sozialer Ungleichheiten vorangetrieben.

 

Forschungsaktivitäten

Die in A1 durchgeführten Arbeiten konzentrieren sich auf die Identifizierung von Paradigmen, welche die Forschung im Kontext bestimmter Forschungsthemen und / oder Fallstudien informieren und vorantreiben. Ein Teil davon ist die philosophische und reflektierende Entwicklung der Middle Range Theorie für archäologische Zwecke. Die Forschung wurde in Form von zwei Doktoranden und einem Post-Doktoranden durchgeführt.

Johanna Brinkmann befasste sich in ihrem Promotionsprojekt 2017 und 2018 mit der Neubewertung etablierter theoretischer Konzepte zur neolithischen Monumentalität und suchte nach zugrunde liegenden Konzepten, welche die Interpretation archäologischer Merkmale und Materialien prägen. Die theoretischen Konzepte wurden anhand der archäologischen Aufzeichnungen auf den britischen Inseln, Skandinavien und Norddeutschland im Zeitraum von 4500 bis 1800 v. Chr. unter Verwendung eines vergleichenden Ansatzes, sowohl diachron als auch räumlich, bewertet. Schwerpunkte sind die Analyse von Kontinuität und Diskontinuität sowie die Verknüpfung von theoretischen Konzepten mit dem archäologischen Befund mittels der „Middle Range Theorie“.

Die theoretische Forschung wurde von Exkursionen nach Irland (2017) und Nagaland, Indien (2018) begleitet. Die Forschung in Irland umfasste den Besuch der megalithischen Monumente Newgrange, Knowth, Dowth und Loughcrew, County Meath sowie Knockroe, County Kilkenny, die für ein besseres Verständnis der megalithischen Monumente in Nordeuropa von Bedeutung sind. Die Reise nach Nagaland beinhaltete die Teilnahme am PhD-Workshop Building Big? Global Scales of Monumentality - eine ethno-archäologische Perspektive und Exkursionen zu verschiedenen megalithischen Denkmälern und traditionellen Dörfern, die dazu beitrugen, den Umfang unserer Forschung über eurozentrische Interpretationen hinaus zu erweitern.

Rekonstruierter Eingangsbereich des Newgrange-Durchgangsgrabes, County Meath, Irland
Abb. 2. Rekonstruierter Eingangsbereich des Newgrange-Durchgangsgrabes, County Meath, Irland, mit Fassade und Spiralschnitzereien. Eines der größten und beeindruckendsten Megalithgräber Irlands.

Gruppe von stehenden Steinen in Willong-khullen Dorf, Nagaland, Indien
Abb. 3. Gruppe von stehenden Steinen in Willong-khullen Dorf, Nagaland, Indien.

Kim Kittig beschäftigte sich in ihrer Doktorarbeit zunächst mit Theorien des interkulturellen Kontakts im östlichen Mittelmeerraum im ersten Jahrtausend vor Christus. Während es zweifellos eine Wechselbeziehung zwischen einer Vielzahl von Faktoren gibt, die bei großen Transformationsprozessen zum Tragen kommen, wurden vor allem die interkulturellen Kontakte als Hauptauslöser für die soziokulturellen Transformationsprozesse des frühen ersten Jahrtausends v. u. Z. im östlichen Mittelmeerraum hervorgehoben. Diese Transformationen wurden lange Zeit als „Orientalisierung“ bezeichnet. Daher bestand der erste Schritt zum Verständnis der kulturellen Faktoren dieser Transformationsprozesse darin, im Rahmen des ›reflective turn‹ die Forschungsgeschichte, ihre Argumentationslinie sowie die zugrunde liegenden Annahmen neu zu bewerten. Dabei zeigt sich zunehmend, dass die Transformationsprozesse des frühen ersten Jahrtausends v. u. Z. nicht jeweils als singulärer Prozess bzw. im Sinne einer ›master narrative‹ beschrieben werden können. Stattdessen scheint es unterschiedliche Prozesse mit variierenden Ergebnissen zu geben, die spezifische lokale Formen annehmen.

Um die lokalen Faktoren zu untersuchen, welche die soziokulturellen Transformationsprozesse prägten, wurde dieser Teil des Projekts anhand verschiedener Fallstudien strukturiert. Mit Lefkandi, dem Heraion von Samos und Naukratis decken sie den archäologischen Kontext einer Nekropole, eines Heiligtums und einer Siedlung ab. In diesen Fallstudien werden verschiedene Settings und Kontexte interkultureller Kontexte analysiert, angefangen vom Handel mit Luxusgütern, über die Einstellung von Söldnern bis hin zur Errichtung neuer Handelsstützpunkte und Siedlungen. Um detaillierte Einblicke in die Transformationsprozesse und deren Beziehung zu interkulturellen Kontakten zu erhalten, stützte sich dieser Teil des Projekts auf Beobachtungen und Ansätze verschiedener Kulturwissenschaften. Daher war es eine der Hauptaufgaben Middle Range Theories zu entwickeln, die es ermöglichen, abstraktere theoretische Ansätze mit den archäologischen Daten zu verknüpfen.

In der Fallstudie über das Heraion von Samos wurde eine Middle Range Theorie im Hinblick auf die Frage eines möglichen kulturellen bzw. religiösen Transfers zwischen westasiatischen, insbesondere ägyptischen Kulten und dem samischen Hera-Kult ausgearbeitet. Eine Untersuchung sowohl anthropologischer als auch archäologischer Beispiele ermöglichte die Identifizierung verschiedener ›Ebenen‹, auf denen solche synkretistischen Prozesse sichtbar werden könnten. Unter Berücksichtigung dieser ›Ebenen‹ konnten die vorliegenden archäologischen Daten aus einer neuen Perspektive betrachtet und das Votivspektrum neu bewertet werden. Bereits hier wurde deutlich, dass Middle Range Theories in hohem Maße von der jeweiligen Fallstudie und den vorliegenden archäologischen Aufzeichnungen abhängen. Dementsprechend werden für die verbleibenden Fallstudien neue Ansatzpunkte für die Entwicklung von Middle Range Theories gesucht.

Der Philosoph VPJ Arponen reflektierte in seiner Postdoc-Forschung ausgewählte Konzepte, welche für die Forschung vom SFB relevant sind. Im Rahmen des Projektes wurde eine reflektierende Methodik für die archäologische Philosophie entwickelt und eingeübt. In dieser Methodik beginnt die Arbeit des Philosophen mit der kritischen Analyse und Identifizierung von Forschungsparadigmen (Kuhn), welche die archäologische Forschung in bestimmten Kontexten beeinflussen. Im zweiten Schritt wird dem identifizierten Paradigma eine Alternative gegenübergestellt und im dritten Schritt im Rahmen der vorherrschenden und identifizierten alternativen Paradigmen eine Middle-Range-Theorie für die Verwendung in der Archäologie entwickelt.

In Bezug auf konkrete Ergebnisse wurde in einer gemeinsamen Veröffentlichung mit mehreren anderen SFB-Mitgliedern aus einer Reihe von SFB-Projekten der Begriff des Umweltdeterminismus ausführlich untersucht (Arponen et al. 2019). Die Reflexionsanalyse enthüllte einen als Paradigma bezeichneten Biologismus, um häufig umweltarchäologische Überlegungen über die Mensch-Umwelt-Beziehung anzustellen. Als alternatives Paradigma wurde eine Perspektive der anthropology of hazards diskutiert. Schließlich wurde ein theoretischer Ansatz für die Transformation der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt entwickelt, der auf der Reflexion des Erbes aus dem Biologismus und der anthropology of hazards beruht.

In einer anderen Publikation wurde das Konzept der Middle Range Theorie selbst analysiert (Arponen et al. 2019). Historisch erwies sich das Verhältnis der Archäologie zur Theorie als kompliziert. Dies hängt mit den gelegentlichen Spannungen zusammen, welche sich einerseits aus einer starken naturwissenschaftlichen Grundlage in der wissenschaftlichen Archäologie und andererseits aus den ebenso starken Einflüssen ergeben, die sich aus humanwissenschaftlichen und sozialtheoretischen Ansätzen ergeben. In der Archäologie wurden theoretische Ebenen von „abstract and high“ bis „middle range“ als operationell identifiziert. Die Rolle der High Theorie wurde so konzipiert, dass sie in der Reflexion und Entwicklung alternativer Paradigmen liegt, die gelegentlich zu Fortschritten in den Wissenschaften führen. Andererseits ist die Middle Range Theorie für die archäologische Praxis notwendig, um archäologische Daten zu verstehen, die durch eine ganze Reihe von physikalischen und naturwissenschaftlichen bis hin zu sozialtheoretischen Theorien fundiert sind.

Eine andere Reihe von Veröffentlichungen konzentrierte sich auf das Konzept der sozialen Komplexität und Ungleichheit. Arponen (2018) legte einige theoretische Grundlagen für das Verständnis der Ungleichheit und ihrer gesellschaftspolitischen Konsequenzen aus Sicht des Fähigkeitsansatzes. In anderen Publikationen wurde die Rolle des Fähigkeitsansatzes in der Archäologie der Ungleichheit diskutiert (Arponen 2017; siehe auch Ott 2017). Zudem gab es einen kleineren Beitrag zum Habitus-Konzept für eine archäologisch bearbeitete Sammlung (Arponen 2019).

Die Rolle der Philosophie in der Archäologie wurde bei zahlreichen internationalen und nationalen Konferenzen wie der MOVA / WSVA-Konferenz in Halle im Jahr 2018, der EAA in Barcelona im Jahr 2018 und der Konferenz der Theoretical Archaeology Group in Syracuse, USA 2019, gefördert.