SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Neuerscheinungen


12.05.2021

Annäherung an die ökologische und soziale Tragfähigkeit der antiken Mikroregion Pergamon

Kartenausschnitt Pergamon

Eine neue Studie des Sonderforschungsbereichs SFB 1266  - unter Beteiligung der Teilprojekten A2 und F6 des SFB 1266 und dem Projekt "Die Transformation der Mikroregion Pergamon zwischen Hellenismus und Römischer Kaiserzeit" des Deutschen Archäologischen Instituts wurde kürzlich in Land publiziert. Dabei wurde die Sozialökologie der antiken Mikroregion Pergamon auf ihre ökologische und soziale Tragfähigkeit hin untersucht, um Erkenntnisse über das transformative Potential von Landnutzungsstrategien und steigenden Bevölkerungszahlen zu gewinnen.

Ausgehend von den Bevölkerungsschätzungen des griechischen Schreibers und Arztes Galen (129 - 216 n. Chr.) von etwa 140.000 Einwohnern Pergamons stellt sich die Frage, ob die Stadt und ihre komplementären Regionen in der Lage waren, ihre Bevölkerung autark mit den benötigten Nahrungsmitteln zu versorgen. Mit einem integrativen Modellierungsansatz, unter Verwendung der im SFB 1266 entwickelten Softwarepakete (LandUseQuantifieR und FuzzyLandscapes), sowie einer neu entwickelten Anwendung (EstimatinLandLabourLimits), wurde eine Szenario basierte Studie der Mikroregion Pergamon durchgeführt. Dabei wurde getestet, ob drei komplementäre Regionen der Stadt Pergamon (Abb. 1) eine Bevölkerung zwischen 20.000 und 200.000 Einwohnern durch die Bereitstellung von genügend Ackerland hätten unterstützen, und genügend Arbeitskräfte für die notwendigen Aufgaben während der Erntezeit von Getreide und Hülsenfrüchte bereitstellen können. 

Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeit kein begrenzender Faktor für die lokale Selbstversorgung war. Allerdings könnte die ökologische Tragfähigkeit limitierend gewesen sein, insbesondere in Szenarien mit großen Bevölkerungszahlen. Eine aktive Investition in die Veränderung der Landschaft, z. B. durch den Bau von Terrassenfeldern zur Kultivierung, hätte helfen können, den Selbstversorgungsgrad zu erhöhen. Es erscheint jedoch plausibel, dass die Stadt Pergamon und ihre Mikroregion ab einem bestimmten Zeitpunkt auf Nahrungsmittelimporte von Handelspartnern angewiesen war, um einen resilienten Versorgungszustand aufrechtzuerhalten, der auch kurzfristige Ertragsausfälle verkraften konnte. Dies gilt sicherlich auch für die von Galen angegebenen Bevölkerungszahlen während der römischen Kaiserzeit (100 v. Chr. - 375 n. Chr.).

In Bezug auf die Dynamik von Transformationen und deren Muster, beides Hauptthemen des SFB1266, zeigte die Studie, dass eine sozioökologischer Betrachtungsweise und integrative Analysen eines Gebietes entscheidend sind, um dessen Resilienzstruktur und damit die Schlüsselaspekte zu verstehen, die Transformationen antrieben. Darüber hinaus bietet die Studie einen reproduzierbaren Ansatz zur Abschätzung der Tragfähigkeit einer Landschaft und zur Modellierung vergangener möglicher Bevölkerungsgrößen unter verschiedenen Szenarien der Ernährung und Landnutzung.

Originalpublikation: 
Laabs, J., Knitter, D. 2021. How Much Is Enough? First Steps to a Social Ecology of the Pergamon Microregion. Land 10 (5), 479. DOI

Der Artikel kann hier heruntergeladen werden. 


11.05.2021

Band 12 der SFB 1266- Reihe STPAS ist erschienen!

Cover Band 12 STPAS

Das Tripolye-Phänomen, welches ein Set spezifischer Artefakte und ein außergewöhnliches Siedlungslayout aufweist, ist auch für seine sogenannten 'Mega-Sites' bekannt. Fünf der größten 'Mega'- oder Riesensiedlungen sind zwischen 150-320 ha groß. Diese und andere Großsiedlungen sind im Sinyukha-Flussbecken konzentriert, das einen zentralen Teil der modernen Ukraine darstellt. In dieser Region sind mehr als 100 verschiedene Tripolye-Fundstellen bekannt. 

Die Chronologie dieser Region ist der Schlüssel zum Verständnis nicht nur des "Mega-Site"-Phänomens, sondern auch der Dynamik der räumlichen Entwicklung innerhalb des Tripolye-Phänomens im Allgemeinen – dem Kernthema des Teilprojekt D1 “Bevölkerungskonzentration in Tripolye-Cucuteni Großsiedlungen”.

Das zentrale Thema der kürzlich erschienen Studie aus der Reihe „Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies“ (STPAS) ist die Rekonstruktion der Tripolye-Chronologie im Sinyukha-Becken und seiner Umgebung, einschließlich der Chronologie der einzelnen Megasiedlungen, der Periodisierung der räumlichen Tripolye-Verteilung, der Entwicklung der Keramikstile, der Lebensdauer einzelner Siedlungen und die Verteilung der Tripolye-Siedlungen in Zeit und Raum. Besonderes Augenmerk wird auf die Keramik als eine der Hauptquellen für Typochronologien gelegt. Die gewonnenen Ergebnisse ermöglichen eine neue Sicht auf das Aussehen, die Funktionen und das Ende der Tripolye-Fundstellen im Allgemeinen und dieser großen Fundplätze im Besonderen.

Der Band kann online kostenlos gelesen werden und bei Sidestone Press bestellt werden.

Shatilo, L. 2021Tripolye Typo-chronology. Mega and Smaller Sites in the Sinyukha River Basin, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 12. Leiden: Sidestone Press. Sidestone Press


07.05.2021

Zwischen Pest und Typhus – die Hansestadt Lübeck im 14. Jahrhundert

Massengrab Mittelalter

Ein Ausschnitt des Spätmittelalterlichen Massengrabes auf dem Gelände des Heiligen-Geist-Hospitals in Lübeck (Foto: Dirk Rieger, Hansestadt Lübeck).

Ein interdisziplinares Team unter der Leitung von Professor Ben Krause-Kyora am Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der CAU mit Beteiligung des SFB 1266 Teilprojekts F4 hat sich auf die Suche nach der Antwort gemacht, woran die Menschen in dem Massengrab vom Heiligen-Geist-Hospital gestorben sind. Dabei wurde die aDNA aus insgesamt 92 Skeletten isoliert, sequenziert und analysiert. „Ziel war es zunächst festzustellen, ob es überhaupt möglich ist, mit aDNA-Analysen den für eine unbekannte Epidemie verantwortlichen Erreger herauszufinden“, unterstreicht Professorin Almut Nebel, ebenfalls am IKMB und Mitglied im SFB 1266 . „Dass wir dies erfolgreich zeigen konnten, ist ein wichtiger methodischer Meilenstein für den SFB.“ In den menschlichen Überresten aus zwei Gruben konnte das Team nämlich den bakteriellen Erreger Salmonella enterica subsp.enterica Paratyphi C feststellen. „Aus den Chroniken der Stadt Lübeck wissen wir, dass für das Jahr 1367 eine ‚Pestilencia‘ verzeichnet ist, welche viele Menschenleben forderte, aber auf Lübeck beschränkt war“, bemerkt Professor Gerhard Fouquet vom Historischen Seminar der CAU. Damit ist es den Forschenden gelungen, den bisher frühesten Nachweis einer durch Salmonellen verursachten Epidemie zu erbringen.

Die vor kurzem im internationalen Fachjournal iScience veröffentlichte Studie zeigt deutlich, dass das Massengrab von Lübeck eine einmalige wissenschaftliche Ressource für die Erforschung von vergangenen Epidemien darstellt. „Durch die enge Zusammenarbeit von Molekularbiologie, Geschichte und Archäologie haben wir nicht nur ein Tor zum Mittelalter aufgestoßen, sondern auch eine Brücke in unsere Corona-Zeit geschlagen“, betont Dr. Dirk Rieger, Leiter der Abteilung Archäologie der Hansestadt Lübeck.

„Unsere Befunde zeigen, dass es möglich ist, mit Hilfe von aDNA Analysen, Infektionskrankheiten verlässlich in Jahrhunderte oder Jahrtausende alten menschlichen Überresten zu diagnostizieren. Die Entwicklung spezieller hochsensitiver DNA-Isolierungs- und Sequenziermethoden bildet auch die Grundlage für unsere Arbeiten im SFB 1266, deren Ziel es ist, Epidemien in der Prähistorie zu identifizieren, und zu untersuchen, inwieweit diese einen transformativen Einfluss auf die jeweiligen  Gesellschaften hatten“, erläutert die Erstautorin Magdalena Haller, Doktorandin im SFB 1266. 

Die Studie wurde unterstützt durch den SFB 1266 TransformationsDimensionen, den Exzellenzcluster ROOTS sowie die Forschungsförderung der Medizinischen Fakultät der CAU.

Online verfügbar hier.

Haller, M., Callan, K., Susat, J., Flux, A., Immel, A., Franke, A., Herbig, A., Krause, J., Kupczok, A., Fouquet, G., Hummel, S., Rieger, D., Nebel, A., Krause-Kyora, B. 2021. Mass burial genomics reveals outbreak of enteric paratyphoid fever in the Late Medieval trade city Lübeck. iScience 24 (5): 102419. DOI

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05.05.2021

SFB 1266-Mitglieder tragen zur Archäologie-basierten Klassifizierung der vergangenen globalen Landnutzung bei

Karte Arabische Halbinsel

Landnutzung umfasst all jene menschlichen Aktivitäten, die die Erdoberfläche verändern, um die Bereitstellung von Ressourcen und Energie zu gewährleisten, um die Bedürfnisse nach Nahrung oder Unterkunft für eine wachsende Bevölkerung zu befriedigen. Seit etwa 12.000 Jahren ist die menschliche Landnutzung, durch Aktivitäten, die mit der Abholzung der Vegetation und der Veränderung der Landoberfläche zum Zwecke der Landwirtschaft, der Urbanisierung und der Industrialisierung einhergehen, eine der einflussreichsten Triebkräfte für die Veränderung der Landbedeckung. Die anthropogene Landbedeckungsveränderung ist ein wichtiger Faktor, der das Klimasystem der Erde auf lokaler bis globaler Ebene in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflusst und daher zu unserem Verständnis über den Klimawandel beiträgt. Die Schätzungen zur anthropogenen Landbedeckungsveränderung in Erdsystemmodellen, die sich mit dem Klima der Vergangenheit befassen, sind jedoch oft unzureichend detailliert oder stark vereinfacht, da Daten und die Einbeziehung von Expertenwissen über vergangene Landnutzungsstrategien fehlten. Um diese Lücke zu schließen, hat die PAGES (Past Global Changes)  LandCover6k Arbeitsgruppe, bestehend aus Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen (u.a. aus den Paläoökologie, der Archäologie, der Klimamodellierung), eine Klassifikation vergangener Landnutzung entwickelt, die mit Expertenwissen und Daten ausgestattet ist und in das Erdsystemmodelle integriert werden kann, um deren Leistungsfähigkeit zu verbessern. Diese Klassifizierung stellt eine "gemeinsame Sprache" zwischen den verschiedenen beteiligten Disziplinen dar und ist die erste, die sich auf die Landnutzungsaktivitäten und nicht auf die geschätzten Landnutzungsergebnisse konzentriert.

Dieses neue Landnutzungsklassifizierungsschema wurde kürzlich in der Open-Access-Publikation PLoS ONE von Morrison und Kollegen (2021) „Mapping past human land use using archaeological data: A new classification for global land use synthesis and data harmonization“ veröffentlicht. Der Artikel beschreibt Beispiele dafür, wie Landnutzungsdaten, die aus archäologischen und historischen Quellen stammen, nach dem neuen Schema klassifiziert und dann zur Information von Erdsystemmodellen verwendet werden können. Der Ansatz der LandCover6k-Arbeitsgruppe bietet eine breit gefächerte und global anwendbare Klassifikation, die sich sowohl für die Beschreibung historischer als auch prähistorischer Landnutzung eignet. Sie stellt einen Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Detaillierungsgraden der verfügbaren Daten und den spezifischen Terminologien dar, die von verschiedenen Disziplinen in den verschiedenen Weltregionen verwendet werden. Als solches bietet dieses Vorhaben eine gemeinsame Basis für die Diskussion und Kommunikation, insbesondere zwischen der Archäologie, der Geschichte und der Klimamodellierung. Darüber hinaus kann sie Grundlage sein in einen Dialog mit Interessenvertretern von Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern, die an der Planung und Umsetzung der Landnutzung beteiligt sind, sowie der allgemeinen Öffentlichkeit zu treten.

Wir freuen uns, dass aktuelle und ehemalige Mitglieder des SFB 1266 (Dragana Filipović, F3, Julian Laabs, F6 und Marco Zanon, F3 an dieser wichtigen Arbeit beteiligt sind. Auf der Grundlage solcher Landnutzungsklassifikationen bauen Rekonstruktionen von Transformationsprozessen und Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften auf– dem Kernthema des SFB 1266. 

Online verfügbar hier

Originalpublikation:

Morrison, K.D., Hammer, E., Boles, O., Madella, M., Whitehouse, N., Gaillard, M.-J., Bates, J., Vander Linden, M., Merlo, S., Yao, A., Popova, L., Hill, A.C., Antolin, F., Bauer, A., Biagetti, S., Bishop, R.R., Buckland, P., Cruz, P., Dreslerová, D., Dusseldorp, G., Ellis, E., Filipović, D., Foster, T., Hannaford, M.J., Harrison, S.P., Hazarika, M., Herold, H., Hilpert, J., Kaplan, J.O., Kay, A., Klein Goldewijk, K., Kolář, J., Kyazike, E., Laabs, J., Lancelotti, C., Lane, P., Lawrence, D., Lewis, K., Lombardo, U., Lucarini, G., Arroyo-Kalin, M., Marchant, R., Mayle, F., McClatchie, M., McLeester, M., Mooney, S., Moskal-del Hoyo, M., Navarrete, V., Ndiema, E., Góes Neves, E., Nowak, M., Out, W.A., Petrie, C., Phelps, L.N., Pinke, Z., Rostain, S., Russell, T., Sluyter, A., Styring, A.K., Tamanaha, E., Thomas, E., Veerasamy, S., Welton, L., Zanon, M. 2021. Mapping past human land use using archaeological data: A new classification for global land use synthesis and data harmonization. PLoS ONE 16 (4): e0246662. DOI


20.04.2021

Band 9 der CRC 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover STPAS 9

Dieser erste Band der Reihe „Archäologie im Žitava-Tal“ präsentiert die ersten umfassenden und interdisziplinären Ergebnisse aus der Fundstelle von Vráble „Vel'ké Lehemby“ und „Fárske“ in der Südwestslowakei. Diese frühneolithische Siedlung, die auf 5250-4950 v. Chr. datiert wird, gehört zu den größten Siedlungsagglomerationen der Linearbandkeramik (LBK) in Mitteleuropa und ist im südwestslowakischen Raum außergewöhnlich. Dieses internationale Grabungsprojekt ist ein zentraler Teil des Teilprojektes C2 in enger Zusammenarbeit u.a. mit Teilprojekt G2

Ziel dieses Buches ist die Rekonstruktion der sozialen und ökonomischen Beziehungen und der gesellschaftlichen Prozesse in dieser Siedlung mit über 300 Häusern, welche sich in drei zeitgleiche Nachbarschaften gruppieren. Band 9 der Reihe “Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies” (STPAS) befasst sich daher mit dem komplexen Grabensystem, das eines der Quartiere abgrenzte, den darin entdeckten Bestattungen und generell dem Deponierungsverhalten sowie der einzigartigen Siedlungsgeschichte von Vráble insgesamt.

Die Ergebnisse verdeutlichen die wachsende Spannung zwischen Anreizen zur Kooperation und Teilen, gegen die Monopolisierung von Ressourcen und individuellen Interessen. Diese Spannungen bestimmen die 300-jährige Geschichte dieses Ortes bis zu seiner völligen Aufgabe. Auf diese Weise können die Forschungen in Vráble zu einem besseren Verständnis, nicht nur des Ortes selbst, sondern auch des gesamten mitteleuropäischen Phänomens großer, geschlossener Siedlungen der späten LBK beitragen, sowie ihrer Verbindung mit Ritualen und Gewalt am menschlichen Körpern und dem Ende des sozialen Gefüges der LBK.

Der Band kann kostenlos online gelesen und bei Sidestone Press bestellt werden. 

Furholt, M., Cheben, I., Müller, J., Bistáková, A., Wunderlich, M., Müller-Scheeßel, N. 2020Archaeology in the Žitava valley I. The LBK and Želiezovce settlement site of Vráble, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 09. Leiden: Sidestone Press. Sidestone Press


23.03.2021

Gesellschaften im Gleichgewicht

Steinsetzungen an einem Fußweg
Steinsetzungen säumen die Wege aus den Dörfern zu den Feldern in Nagaland und erinnern so an ihre Erbauer (Foto: Maria Wunderlich).

SFB 1266 veröffentlicht Studie zur sozialen Bedeutung von steinernen Monumenten in Nordostindien

Die Errichtung von steinernen Monumenten oder auch Megalithen stellt in Nagaland, Nordostindien eine zwar heute nicht mehr fortgeführte, jedoch noch immer tief im kollektiven Gedächtnis der betreffenden Gemeinschaften verankerte Tradition dar. Der Megalithbau wurde in weiten Bereichen Nordostindiens im Zuge der schwerwiegenden Transformationsprozesse, die innerhalb der letzten 100 Jahre stattfanden, aufgegeben. Er kann nur noch durch die Erinnerung älterer Dorfmitglieder, sowie die Steine selber umfassend rekonstruiert werden. Damit stellt die Studie einen wichtigen Referenzpunkt für eine Kettenreaktion dar, in der transformative Impulse zur Umgestaltung weiter in sich verflochtener gesellschaftlicher Aspekte führten. Im Zuge ethnoarchäologischer Feldarbeiten in Kooperation mit der Universität Nagaland 2016 und 2018 war es möglich, Dörfer der Angami und Chakhesang-Naga zu besuchen und die dortigen Erinnerungen an die Errichtung von Megalithbauten, sowie die Feasts of Merit, d.h. komplexer Verdienstfeste, in ihrer gesellschaftlichen Einbettung zu dokumentieren. 

Im Rahmen des kürzlich veröffentlichten Artikels „Societies in Balance: Monumentality and feasting activities among southern Naga communities, Northeast India” werden die vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aspekte megalithischer Bautraditionen in einem rezenten Kontext vorgestellt. Hierbei zeigte sich die Verflechtung komplexer, aber durchlässiger gesellschaftlicher Hierarchien, das Erreichen gesellschaftlichen Ansehens durch Festaktivitäten, die Bedeutung von Solidarität und Kooperation, sowie Megalithbaus. Damit leistet der Artikel einen wichtigen Beitrag für ein holistisches und differenziertes Verständnis möglicher sozio-politischer Bedeutungen von megalithischen Monumente. Damit eröffnen sich Anknüpfungspunkte nicht nur für weiterer ethnoarchäologischer Studien, sondern auch für eine Erweiterung und Diversifizierung der Interpretation prähistorischer megalithischer Monumente und ihrer Bedeutung innerhalb gesellschaftlicher Transformationsphasen. 

Hier geht’s zur Pressemeldung im CAU Newsportal.

Der Artikel wurde bereits aufgegriffen durch die Süddeutsche Zeitung.

Originalpublikation:

Wunderlich, M., Jamir, T., Müller, J., Rassman, K., Vasa, D. 2021. Societies in balance: Monumentality and feasting activities among southern Naga communities, Northeast India.  PLoS ONE 16 (3): e0246966.  DOI

PLoS ONE


10.02.2021

Seltene Krankheiten in der Bronzezeit

Menschliche Knochen
Rechter und linker Oberschenkelknochen (Os femoris) mit krankhaften Veränderungen des für die Studie untersuchten Mannes aus dem Nordkaukasus. © Katharina Fuchs

Eine neue Studie untersucht mit Beteiligung des SFB 1266 das Phänomen der Seltenen Krankheiten im archäologischen Kontext

Seltene Krankheiten, im internationalen Fachjargon „Rare Diseases“, sind heutzutage ein spezieller Bereich in medizinisch-pharmazeutischer Forschung und Behandlung. „Selten“ bedeutet, dass nicht mehr als fünf von 10.000 Personen an dieser Krankheit leiden. Zu den weiteren Merkmalen zählt, dass Betroffene meist stark eingeschränkt sind, körperlich sowie im gesellschaftlichen Leben, und hoher sozialer und medizinischer Versorgung bedürfen.

Doch was wissen wir über Seltene Krankheiten in der Vergangenheit, sogenannte „Ancient Rare Diseases“ – und vor allem, wie können wir sie definieren und diagnostizieren? Dieser Frage ist die Physische Anthropologin und Archäologin Dr. Katharina Fuchs(Teilprojekt F4)  vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nachgegangen. Anhand der Krankheitsgeschichte eines männlichen Individuums aus der Nordkaukasischen Bronzezeit (circa 2200 bis 1650 vor Christus) kam sie zu dem Schluss, dass die heute verwendeten Kriterien nicht ohne weiteres auf die Vergangenheit übertragbar sind. Die kürzlich im International Journal of Paleopathology veröffentlichte Studie zeigt, dass nicht nur die Diagnostik Seltener Krankheiten und die Berechnung von Inzidenzen und Prävalenzen, also der Häufigkeit, die Forschenden vor Herausforderungen stellt. Auch das individuelle Leid und der Grad an sozialer Integration und Unterstützung sind kaum zu rekonstruieren.

Am Skelett des Mannes aus dem Kaukasus, das Fuchs im Rahmen der Studie untersuchte, kann die Anthropologin vieles erkennen: Seit seiner Jugend litt er an einer seltenen Hüfterkrankung, dem Legg-Calvé-Perthes Syndrom, und hinkte deshalb über ein nach innen verdrehtes Bein. Zudem überlebte er im Erwachsenenalter schwere Frakturen an Schädel und Oberschenkel. Die Abnutzung seiner Zähne zeigt, dass er in bestimmte Arbeitsprozesse integriert war und sie als Werkzeug nutzte. Aus seinen Grabbeigaben lässt sich schließen, dass er keine besonders hohe soziale Stellung innehatte.

„Zusammengenommen zeigt dies, dass dieser Mann wichtig für die Gesellschaft war. Die Frakturen, die er überlebt hat, erforderten hohen Pflegeaufwand. Wahrscheinlich hat er seine Verletzungen überlebt, weil seine Mitmenschen sich um ihn gekümmert haben. Und das gibt uns eine Idee davon, wie die Menschen im Nordkaukasus vor 4.000 Jahren miteinander umgegangen sind. Wie sie mit jemandem umgegangen sind, der fast sein ganzes Leben lang körperlich eingeschränkt war“, erläutert Fuchs. Solche Überlegungen gehen zwar über das Thema der „Ancient Rare Diseases“ hinaus, verdeutlichen jedoch die soziale Dimension ihrer Erforschung.

Die vollständige Pressemeldung finden Sie hier.

Originalpublikation:

Fuchs, K., Biaslan, A., Witzmann, F., Gresky, J. 2021. Towards a definition of Ancient Rare Diseases (ARD): Presenting a complex case of probable Legg-Calv´e-Perthes Disease from the North Caucasian Bronze Age (2200-1650 cal BCE). International Journal of Paleopathology 32, 61-73. DOI


01.02.2021

SFB 1266 Mitglieder veröffentlichen interdisziplinäre Studie zur genetischen Vielfalt und dem Immunstatus der Menschen in Mitteuropa vor 3200 Jahren

Schädel eines Kindes
Die Toten von Niedertiefenbach: Schädel eines Kleinkindes mit knöchernen Symptomen am Augendach, die sogenannte Cribra orbitalia - typisch für eine stark erhöhte Bildung roter Blutkörperchen. Wie viele andere der Bestatteten litt dieses Kind zum Zeitpunkt seines Todes unter deutlichem körperlichen Stress. © Sarah Jagiolla

Mit der wichtigen Frage, wer wir Mitteleuropäer sind und woher wir stammen befassen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des SFB 1266-Teilprojektes F4 in Zusammenarbeit mit D2. Erst kürzlich veröffentlichten sie in der renommierten Fachzeitschrift Communications Biology neue Erkenntnisse ihrer Forschungen aus einer der wichtigsten Epochen der Menschheit, der Jungsteinzeit (5500-2200 v. Chr.), die zu Beginn durch den Übergang von einer jagenden und sammelnden Lebensweise zu Sesshaftigkeit, Pflanzenbau und Viehhaltung geprägt ist. 

Der Fokus der interdisziplinären Studie liegt auf der Paläogenetik, darüber hinaus waren ebenfalls Expertinnen und Experten der Anthropologie und Archäologie beteiligt. Eine zentrale Rolle innerhalb der Studie und der Forschungen des SFB 1266 nimmt die archäologische Fundstelle Niedertiefenbach (Hessen) ein, in der ein Galeriegrab aus der Jungsteinzeit erfasst wurde. In dem Kollektivgrab fanden um etwa 3200 v. Chr. mehr als 150 Menschen ihre letzte Ruhestätte. 

Die genetischen Untersuchungen an Skelettresten von 42 Menschen aus dem Kollektivgrab führte zu überraschenden Ergebnissen. Sie geben Einblicke in die Bedeutung von demographischen Prozessen in der Jungsteinzeit und dienen der Beantwortung der Frage: In welchem Ausmaß wurde das genetische Erbe früher Jäger-Sammler-Gesellschaften Westeuropas und der ersten Bauern Südosteuropas an die späteren Bevölkerungen Mitteleuropas weitergegeben? Die im Niedertiefenbacher Grab bestattete Gruppe zeichnet sich durch eine hohe genetische Diversität aus, der die Vermischung von genomischen Komponenten der Jäger-Sammler und der Bauern zugrunde liegt. Der jeweilige Anteil dieser beiden Komponenten war individuell sehr unterschiedlich.

Hier geht’s zur Pressemitteilung im Newsportal der CAU.

Originalpublikation:

Immel, A., Pierini, F., Rinne, C., Meadows, J., Barquera, R., Szolek, A., Susat, J., Böhme, L., Dose, J., Bonczarowska, J., Drummer, C., Fuchs, K., Ellinghaus, D., Kässens, J.C., Furholt, M., Kohlbacher, O., Schade-Lindig, S., Franke, A., Schreiber, S., Krause, J., Müller, J., Lenz, T., Nebel, A., Krause-Kyora, B. 2021. Genome-wide study of a Neolithic Wartberg grave community reveals distinct HLA variation and hunter-gatherer ancestry. Communications Biology 4:113. DOI

Die Publikation ist online kostenlos verfügbar.


20.01.2021

SFB 1266 Mitglieder veröffentlichen Studie zu Klimaveränderungen vor etwa 4.200 Jahren
 

Plos One Artikel
 

Im Zeitraum vor etwa 3800 bis 4400 Jahren vor heute wurde der Mittelmeerraum von einer weitreichenden Dürreperiode mit zum Teil gravierenden Auswirkungen für die damaligen Zivilisationen bedroht. Diese klimatische Anomalie ist in der archäologischen und paläoklimatischen Literatur auch als 4,2 ka Event bekannt. Bislang standen vor allem die räumliche und zeitliche Ausprägung dieses möglicherweise weltweiten Ereignisses im Fokus intensiver Forschung. Die Triebkräfte dieser klimatischen Anomalie im Mittelmeerraum lagen jedoch weitestgehend im Dunkeln. Die Analyse der Triebkräfte war Teil einer Studie des SFB 1266-Teilprojektes F1 die erst kürzlich in der Online-Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Um den Treiber des 4,2 ka Events genauer zu untersuchen wurden geochemische Analysen an Blattwachsen aus einem marinen Sedimentkern in der Alboransee, südlich der iberischen Halbinsel, durchgeführt. Die Studie liefert neue Ergebnisse hinsichtlich der saisonalen Ausprägung der Dürreperiode und zeigt auf das diese vor allem in den Sommermonaten ausgeprägt war. Darüber hinaus zeigten die Analysen, dass die ausgeprägte Sommerdürre während des 4,2 ka Events vermutlich auf eine Abschwächung des mediterranen Einflusses auf der südlichen iberischen Halbinsel zurückzuführen ist. Eine besondere Rolle dabei spielte offenbar die Westmediterrane Oszillation (WeMO).

Hier geht’s zur Pressemitteilung im Newsportal der CAU.

Originalpublikation:

Schirrmacher, J., Andersen, N., Schneider, R.R., Weinelt, M. 2020. Fossil leaf wax hydrogen isotopes reveal variability of Atlantic and Mediterranean climate forcing on the southeast Iberian Peninsula between 6000 to 3000 cal. BP. PLoS ONE 15 (12):  e0243662. DOI

Online verfügbar hier.


18.01.2021

Band 11 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover Kudachurt

Der Übergang von der Mittel- zur Spätbronzezeit im Nordkaukasus (2200‑1400 v.u. Z.) ist als eine Zeit entscheidender sozialer und subsistenzwirtschaftlicher Transformationen charakterisiert. Diese zeichneten sich u.a. durch Veränderungen der Lebensweise, der Nahrungsstrategie und der Bestattungssitten aus.  Jedoch war bisher nur wenig über die Menschen selbst bekannt und interdisziplinäre Forschungsansätze werden erst jüngst verfolgt. Das Gräberfeld Kudachurt 14, gelegen im zentralen Vorgebirge des Nordkaukasus, repräsentiert zeitlich und räumlich eine Schlüsselposition im Kontext dieser tiefgreifenden Entwicklungen. 

Ziel der kürzlich erschienen Studie „Interdisciplinary analysis of the cemetery Kudachurt 14“ ist die interdisziplinäre Untersuchung sozialer Ungleichheit, Demographie, Mundgesundheit und Ernährung für die Nordkaukasische Bronzezeit anhand des Bestattungskollektives von Kudachurt 14.  Band 11 der Reihe „Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies“ (STPAS) untersucht daher unter der Anwendung sozialarchäologischer, osteologischer, paläopathologischer und chemischer Analyseverfahren 130 Gräber, 2332 Grabbeigaben, 265 in situ gezählte und 108 osteologisch erfasste Individuen, 2651 Zahnpositionen sowie 59 menschliche und tierische Proben von Knochenkollagen. 

Die Ergebnisse geben Aufschluss über die demographische Struktur, Unterschiede im sozio-rituellen Status und die Ökonomie der bronzezeitlichen Bevölkerung im Nordkaukasus. Die Verknüpfung von archäologischen und biologischen Informationsebenen ermöglichte es, bisher lediglich vermutete Genderkonzepte zu bestätigen. Darüber hinaus sind zum ersten Mal Erblichkeitsstrukturen im sozialen Status nachgewiesen. Völlig neue Aspekte über das tägliche Leben der Menschen liefern die Zahndaten, an denen sich sowohl Arbeitsprozesse als auch eine agrarisch geprägte Ernährung ableiten lassen. 

Der Band kann online kostenlos gelesen werden und bei Sidestone Press bestellt werden.

Zum Verlag Sidestone Press.

Fuchs, K. 2020Interdisciplinary analysis of the cemetery Kudachurt 14. Evaluating indicators of social inequality, demography, oral health and diet during the Bronze Age key period 2200-1650 BCE in the Northern Caucasus, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 11. Leiden: Sidestone Press.


20.10.2020

Echos aus Toteislöcher - neue Herangehensweise bringt paläolithische Spuren ans Tageslicht bei Tyrsted, Dänemark

Images from research at Tyrsted, DenmarkEine neue Studie des Sonderforschungsbereichs SFB 1266 – Teilprojekte B1 und G2 – durchgeführt in Kooperation mit dem Horsens Museum (Dänemark) wurde kürzlich in Quaternary International publiziert. Im Projekt wurde eine neue Methode entwickelt, die dazu dient Hinterlassenschaften aus dem Paläolithikum bzw. Paläolandschaften effektiv aber zugleich kostengünstig zu lokalisieren und zu rekonstruieren. Damit stellt sie ein wichtiges prospektives Planungsinstrument dar, insbesondere für Museen und andere in die Denkmalpflege eingebundene Einrichtungen.

Toteislöcher sind Reliquien der Eisschmelze in ehemaligen Gletscherlandschaften und haben ein hohes Potential für die organische Konservierung. Im Jahr 2017 führte das Horsens Museum (Dänemark) in Tyrsted ein Rettungsgrabung an einigen Toteislöcher durch. Diese Ausgrabung zeigte eine Feuersteinansammlung und ein bearbeitetes Rentiergeweih aus der spät paläolithischen Bromme Kultur (12.000-11.000 BCE). Bis heute ist das Inventar der organischen Artefakte aus der Bromme Kultur wegen des Mangels an organischen Überresten und häufig fehlender stratigraphischen Beobachtungen weitgehend unbekannt. Die verfügbaren Daten konzentrieren sich auf die Chronozonen des (späten) Allerød und der frühen jüngeren Dryas, die meisten der Datierungen sind daher als grobkörnig anzusehen. Die Einzigartigkeit des späten Gletscher Horizont bei Tyrsted besitzt das Potenzial, neue Informationen für die aktuelle archäologische Debatte zur Bromme Kultur zu liefern. Die Zusammenarbeit der zwei SFB-1266 Subprojekte (B1, G2) und dem Horsens Museum ermöglichte die interdisziplinäre Untersuchung und Rekonstruktion eine einer archäologischen Fundstelle innerhalb des kleinen Toteislochs durch geophysikalische Methoden und Ausgrabungen. Bodenradar, elektromagnetische Induktion und Geoelektrik schätzten die Ausdehnung des Befundes, während Scherwellenreflexion und Refraktionseismik die gesamte Form des ehemaligen Sees erfassen konnten.

Außerdem wurde ein seismischer Reflektor sichtbar, der mit dem Übergang zwischen den Sedimenten des Allerød und der jüngeren Dryas in Verbindung gebracht werden kann. So war Erkennung des Bromme-Horizontes möglich. Für Museumsarchäologen mit einem begrenzten Budget für die logistische Durchführung komplexer Ausgrabungen, sind diese Ergebnisse ein sehr wichtiges prospektives Planungsinstrument, welches den archäologischen und paläoökologischen Forschungsgruppen ermöglicht, Paläolandschaften zu rekonstruieren und mögliche Fundorte dieser sehr seltenen, aber sehr wichtigen paläolithischen Überreste zu identifizieren.

Corradini, E., Eriksen, B.V., Mortensen, M.F., Nielsen, M.K., Thorwart, M., Krüger, S., Wilken, D., Pickartz, N., Panning, D., Rabbel, W. 2020. Investigating lake sediments and peat deposits with geophysical methods - A case study from a kettle hole at the Late Palaeolithic site of Tyrsted, Denmark. Quaternary International 558, 89-106. DOI


08.10.2020

Band 10 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover „Hellenistic Architecture and Human Action“

Ein charakteristisches Merkmal gebauten Raumes im Hellenismus (4. – 1. Jh. v. Chr.) ist die Art und Weise wie Architektur und soziale Praktiken miteinander interagieren. Die physischen Bestandteile gebauten Raumes, Landschaft, Architektur und menschliche Körper werden durch zentrale Praktiken des Gehens und Sehens zu verschiedenen Konstellationen arrangiert, während die Praktiken ihrerseits durch deren Materialität gelenkt werden. Der Hellenismus stellt in dieser Hinsicht eine Transformationsphase im griechischen Mittelmeerraum dar, da man sich dieser Wechselbeziehung zwischen Architektur und menschlichen Handelns in intensiverer Weise als je zuvor bewusst wurde. Landschaft und Architektur wurden nun gezielt manipuliert, um beim menschlichen Akteur bestimmte Reaktionen zu hervorzurufen.

Die Konferenz „Hellenistic Architecture & Human Action“, die vom 30.10.2018 bis zum 01.11.2018 in Kiel stattfand, wurde im Rahmen des SFB-Projektes E3 (Transformationen der Beziehungen zwischen Menschen und Landschaft zwischen dem 7. und 1. Jahrhundert v. Chr. im östlichen Mittelmeerraum) veranstaltet. Sie brachte führende Forscher auf dem Gebiet hellenistischer Architektur zusammen. Am Beispiel aussagekräftiger Befunde (Messene, Samothrake und Pella) wie auch auf der übergreifenden Ebene hellenistischen Architektur-Landschaft-Designs wurde die Wechselbeziehung von Architektur und Handlung untersucht. Die hierbei diskutierten Baukomplexe (Heiligtümer, Agorai, Höhlen) bezeugen, dass die wechselseitige Bezugnahme beider Raumkonstituenten weder auf stark architektonisierte noch sakrale Komplexe beschränkt war, sondern für hellenistischen gebauten Raum per se charakteristisch ist.

Der Band kann online kostenlos gelesen und bei Sidestone Press bestellt werden. 

Zum Verlag Sidestone Press.

Haug, A., Müller, A. (eds.) 2020. Hellenistic Architecture and Human Action. A Case of Reciprocal Influence, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 10. Leiden: Sidestone Press.


13.08.2020

Nicht nur Metalle, hierarchische Gesellschaften und befestigte Siedlungen: In der Bronzezeit spiegelt auch ein neues Lebensmittel, die Rispenhirse, ökonomische Transformationen vor ca. 3500 Jahren wider

Hirseausbreitung

Eine groß angelegte Studie des Sonderforschungsbereichs SFB 1266 "TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt Interaktion in prähistorischen und archaischen Gesellschaften" an der Universität Kiel wird nun in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Sie zeigt, wie Rispenhirse im bronzezeitlichen Europa (vor ca. 3500 Jahren) auf den Speisezettel rückte. Schon damals bestanden intensive Handels- und Kommunikationsnetzwerke, die eine erstaunlich schnelle Ausbreitung dieser neuen fernöstlichen Kulturpflanze ermöglichten.

In Zusammenarbeit mit fast dreißig Forschungseinrichtungen in ganz Europa, konnten die Archäobotanikerinnen Dragana Filipović und Marta Dal Corso vom Team um Wiebke Kirleis gemeinsam mit John Meadows vom Leibniz Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der CAU Kiel und dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) Hirse von 75 prähistorischen Stätten des 6.-1. Jahrtausend v. u. Z. neu radiokarbondatieren. Die Ergebnisse zeigen, dass der Hirseanbau in Europa erst ca. 1500 v. u. Z. begann und dass sich die neue Feldfrucht jedoch erstaunlich rasch über weite Teile Mitteleuropas ausbreitete. Der Ursprung der Rispenhirsie liegt im Nordosten Chinas, wo es um 6000 v. u. Z. domestiziert und schnell zu einem Grundnahrungsmittel wurde. Über Tausende von Jahren gelang die Rispenhirse von Ostasien nach Europa und etabliert sich dort als übliches Getreide während der Bronzezeit, in einer Periode um 1500 v. u. Z. die von deutlichen gesellschaftlichen Transformationen geprägt war. Nicht nur die regionale Sieldungsformen oder die stilistische Ausprägungen materieller Kultur, besonders Bronzen, änderten sich, es wird auch eine zunehmende Hierarchisierung der damaligen Gemeinschaften angenommen. Diese Veränderungen passieren während die Rispenhirse, als vielseitige Ergänzung zur damals von Weizen und Gerste dominierten Küche angenommen wurde.  

Weitere Forschungen sehen nun vor zu untersuchen, welche gesellschaftlichen Dynamiken mit der Einführung dieses neuen Lebensmittels in dieser ausgeprägten Umbruchsperiode der europäischen Urgeschichte verbunden waren.

Eine ausführliche Pressemeldung finden sie im Newsportal der CAU.

Die vorliegende Studie, als 'Open Access' veröffentlicht im Scientific Reports, ist in der Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen der SFB 1266 Teilprojekte F3 ,D1und G1 entstanden und kann hier frei heruntergeladen werden.

Filipović , D., Meadows, J., Dal Corso, M., Kirleis, W., Alsleben, A., Akeret, Ö., Bittmann, F., Bosi, G., Ciută, B., Dreslerová, D., Effenberger, H., Gyulai, F., Heiss, A.G., Hellmund, M., Jahns, S., Jakobitsch, T., Kapcia, M., Klooß, S., Kohler-Schneider, M., Kroll, H., Makarowicz, P., Marinova, E., Märkle, T., Medović, A., Mercuri, A.M., Mueller-Bieniek, A., Nisbet, R., Pashkevich, G., Perego, R., Pokorný, P., Pospieszny, Ł., Przybyła, M., Reed, K., Rennwanz, J., Stika, H.-P., Stobbe, A., Tolar, T., Wasylikowa, K., Wiethold, J., Zerl, T. 2020. New AMS 14 C dates track the arrival and spread of broomcorn millet cultivation and agricultural change in prehistoric Europe. Scientific Reports 10 (1), 13698. DOI

Abbildung: Wie ein Buschbrand: Früheste Funde und Ausbreitung von Rispenhirse in Europa. Karte der zeitlichen Ausbreitung der Rispenhirse und Fundplätze mit 14C datierten Rispenhirsenfunden.


23.04.2020

Band 7 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover „Maidanets’ke. Development and decline of a Trypillia ‚mega-site‘ in Central Ukraine“

In der Waldsteppe nördlich des Schwarzen Meeres entstanden am Ende des fünften Jahrtausends v.u.Z. die mitunter größten Siedlungen ihrer Zeit. Diese sogenannten Trypillia 'Mega-sites' erreichten Größen von bis zu 320 Hektar mit bis zu 3000 Häusern an einem Ort.

Wie kamen Menschen in diesen Großsiedlungen mit mehreren tausend Häusern zusammen? Wie lange waren solche 'Mega-sites' bewohnt und wie viele Menschen lebten gleichzeitig in ihnen? Handelt es sich dabei um die ersten städtischen Siedlungen, noch vor der Mesopotamischen Entwicklung?

Diese Fragen versucht die jetzt in Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt D1 des SFB 1266 erschienene Studie "Maidanets’ke. Development and decline of a Trypillia 'mega-site' in Central Ukraine" zu beantworten. Basierend auf neuen Ausgrabungen eines internationalen Teams untersucht Band 7 der Reihe " Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies " (STPAS) Maidanets’kes Siedlungsgeschichte und Struktur sowie ihren regionalen Kontext. Ergebnisse zum Töpferofen, dem Grabenwerk sowie mehrerer Häuser werden im Detail präsentiert. Anhand ausgedehnter Radiokarbondatierungen und Modellierungen aus verschiedenen Stellen der Siedlung kann erstmals ein Phasenmodell für die Entwicklung einer 'Mega-site' präsentiert werden. Berechnungen zur Bevölkerungsgröße und Entwicklung geben Aufschluss darüber, wie 'Mega-sites' zustande kamen.

Gezielte geophysikalische Vermessungen im Hauptverbreitungsgebiet der Großsiedlungen belegen einen einheitlichen Aufbau kleiner und größerer Siedlungen. Anhand der Ergebnisse zur Bevölkerungsdichte und der Siedlungsstruktur erfolgt eine Neubewertung des urbanen Charakters von Trypillia 'Mega-sites'.

Der Band kann online kostenlos gelesen und bei Sidestone Press bestellt werden. 

Zum Verlag Sidestone Press.

Ohlrau, R. 2020. Maidanets’ke. Development and decline of a Trypillia mega-site in Central Ukraine, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 07. Leiden: Sidestone Press.


06.04.2020

Früher Nachweis von Kontakten in die Steppe: Die genetische Zusammensetzung von Bestattungen des Cucuteni-Trypillia-Komplex deutet auf eine hohe genetische Vielfalt und eine Abstammung aus der Steppe ab 3500 v. Chr. hin

Fundplatzkarte und zeit-räumliche Ausbreitung der CTC und genannter archäologischer Gruppen

Eine neue Studie, die im Rahmen des SFB 1266 in Zusammenarbeit der Teilprojekte F4 und D1 durchgeführt und jetzt in Nature scientific reports veröffentlicht wurde, zeigt, dass genetische Anteile aus der Steppe schon bereits 3500 v. Chr. in den osteuropäischen Bauerngemeinschaften vorhanden waren.

Obwohl der Cucuteni-Trypillia-Komplex (CTC) aufgrund seiner Verbindung zu den so genannten "mega-sites", Siedlungen mit hoher Bevölkerungsdichte und großer räumlicher Ausdehnung, ein gut erforschtes archäologisches Phänomen ist, sind nur sehr wenige Bestattungen bekannt. Nun wurden Genomdaten aus den Skelettresten einer Mehrfachbestattung von drei Erwachsenen aus Pocrovca V und einer Kinderbestattung aus Gordinești I, beide Nordmoldawien, gewonnen und analysiert. Alle Bestattungen können in die späte CTC-Periode, ca. 3500-3100 v. Chr., datiert werden. Die Analysen der bioinformatischen Daten zeigen, dass alle vier Personen weiblich waren und im Falle der Mehrfachbestattung teilten die Personen keine biologische Verwandtschaft.

Insgesamt weist die genetische Ausprägung der CTC-Individuen auf eine relativ hohe Diversität der Abstammung hin, was angesichts der Tatsache, dass sie alle in die späte CTC-Periode datiert werden, überraschend ist. Die Abstammung von Linearbandkeramik (LBK), dem anatolischen Neolithikum sowie Starčevo und wildbeuterischen Gemeinschaften konnte identifiziert werden. Diese Ergebnisse werden durch die Studie von Skelettresten (nur von männlichen Individuen) aus der Höhlengrabstätte von Verteba, Ukraine, ergänzt, die ebenfalls in die späte CTC-Periode datiert werden. Die weiblichen Individuen aus Pocrovca V und Gordinești I besassen zudem Anteile genetischer Signaturen, die auf Abstammung/Influx aus den östlichen Steppenregionen spricht. Dieser Befund stimmt mit der Hypothese von laufenden Kontakten und nur allmählicher Vermischung der Steppenbevölkerung und der lokalen Bevölkerung überein. Die Zusammensetzung der Gene zeigt auch die früheren Verbindungen der CTC-Gemeinschaften Richtung Westen, mit LBK- (ca. 5100-4600 v.Chr.) oder Trichterbechergesellschaften (ca. 4600-3600) auf und deutet ihre spätere wichtige geographische Lage zwischen den Kugelamphoren-Gemeinschaften und der Steppe im Osten (ca. 3600-2400 v.Chr.).

Die Ergebnisse der Studie bestätigen, dass die genetische „Steppenkomponente“ in osteuropäischen Bauerngemeinschaften schon 3500 v. Chr. angekommen ist. Ferner stimmen sie mit der Hypothese überein, dass es in dieser Zeitspanne Kontakte gab und eine allmählichen zu einer Vermischung zwischen der Steppenbevölkerung östlicher Gebiete und der lokalen westlichen Bevölkerung gekommen ist.

Der vollständige Artikel ist Open Access und kann hier heruntergeladen werden.

Immel, A., Țerna, T., Simalcsik A., Susat J., Šarov, O., Sîrbu G., Hofmann, G., Müller, J., Nebel, A., Krause-Kyora, B. 2020. Gene-flow from steppe individuals into Cucuteni-Trypillia associated populations indicates longstanding contacts and gradual admixture. Scientific reports 10 (1), 4253. DOI

Abbildung: Karte der genannten Fundplätze und die raum-zeitliche Ausdehung des CTC und benannter archäologischer Gruppen.


30.03.2020

Zwischen Solidarität und Konflikt: Neue Studie zur sozialen Organisation einer frühen Großsiedlung aus der Jungsteinzeit 5250-4950 v. Chr.

Rekonstruktion der frühneolithischen Siedlung von Vráble mit Hausstandorten und Grabenanlage

In einem neuen Artikel, der im Cambridge Archaeological Journal veröffentlicht worden ist (Open Access) stellt eine Gruppe Forscher*innen des Teilprojekts C2, der Universität Oslo und der Slowakischen Akademie der Wissenschaften die Hauptergebnisse ihrer gemeinschaftlichen Ausgrabungstätigkeiten am Slowakischen Fundplatz Vráble dar. Seit 2012 untersucht das Team eine der größten Jungsteinzeitlichen Siedlungen in Mitteleuropa, um der Frage nachzugehen, wie sich die soziale Organisation solcher frühen Konzentrationen von Bevölkerung entwickelte, in einer Situation, in der es keine institutionalisierte Regierung oder anderweitige zentrale Steuerung gab. Trotz einer dreihundertjährigen Geschichte dieser Gemeinschaft endet das soziale Experiment schließlich im Streit, und in der Auflösung des Dorfes. Trotzdem lassen sich beim Studium der Dorfgeschichte faszinierende Einblicke in die Entwicklung des sozialen Miteinanders gewinnen, nicht zuletzt in bisher unbekannte Bestattungssitten im Dorfgraben.

Nach der Gründung der Siedlung um 5250 v.Chr. entwickelte sich die Siedlung in Vráble nach und nach zu einem Anziehungspunkt für in der Umgebung lebende Hofgemeinschaften. Um 5100 v. Chr. bestand Vráble aus ungefähr 70 Höfen. Dabei verwandelte sich Vráble aber nicht, wie man es vermuten würde, zu einem dicht bebauten Dorf mit einheitlichen Hausreihen oder anderweitigem Siedlungslayout, sondern zu einem lockeren Nebeneinander räumlich und wirtschaftlich autonomer Hofplätze, die gleichzeitig in verschiedene Systeme sozialer Zusammenarbeit und des Teilens von Ressourcen integriert waren. Nach 5100 v. Chr., kommt es jedoch zu verstärkten Konflikten innerhalb des Dorfes, die sich in der Abgrenzung dreier Nachbarschaften innerhalb der Siedlung ausdrücken. Eine dieser Siedlungsteile geht sogar soweit, eine komplexe Wall-Graben-Palisadenanlage zu bauen, die sie von den beiden anderen Nachbarschaften abriegelte. Auch innerhalb der Nachbarschaften kam es zur Abgrenzung bestimmter sozialer Gruppen gegeneinander, wie in den Beisetzungen an der Grabenanlage deutlich wurde. Diese deuten auf ein wachsendes Maß sozialer Ungleichheit hin, die sich negativ auf die Gemeinschaftssolidarität auswirkte und schließlich der Grund für den raschen Niedergang und die Auflösung des Dorfes führte.

Furholt, M., Müller-Scheeßel, N., Wunderlich, M., Cheben, I., Müller, J. 2020. Communality and Discord in an Early Neolithic Settlement Agglomeration: The LBK Site of Vráble, Southwest Slovakia. Cambridge Archaeological Journal. DOI

Abbildung: Rekonstruktion der frühneolithischen Siedlung von Vráble mit Hausstandorten und Grabenanlage.


17.03.2020

Was war enthalten? Lipidanalysen an Grabbeigaben offenbaren den rituellen Status von Rindern in den neolithischen Gesellschaften Norddeutschlands

Zusammensetzung stabiler Kohlenstoffisotopen individueller Fettsäuren in Lipidresten tierischen Urprungs neolithischer Gefäße des Ganggrabes Wangels und der Siedlung Oldenburg

Im 4. vorchristlichen Jahrtausend wird in der norddeutschen Tiefebene und Südskandinavien die Haustierhaltung zum festen Bestandteil der neolithischen Wirtschaftsweise. Zu beobachten ist dabei eine zunehmende Bedeutung von domestizierten Tieren sowie eine Konzentration auf die Haltung bestimmter Tierarten. Verbunden ist dieses Phänomen zugleich mit sich verändernden Intensitäten der Landschaftsnutzungsstrategien, ebenso verändert die zunehmende Bedeutung der Haustierhaltung auch die sozialen Praktiken innerhalb der Gesellschaften.

Lipidanalysen an reich verzierten Keramikgefäßen aus einem Ganggrab (Wangels LA 69, Schleswig-Holstein) der Trichterbecher Gesellschaften offenbaren, dass diese Gefäße überwiegend Rinderfette und Milchprodukte enthielten. Im Gegensatz zu den Grabbeigaben enthielten Gefäße aus der benachbarten, zeitgleichen Siedlung Oldenburg-Dannau LA 77 eine gemischte Zusammensetzung aus Pflanzen- und Milchprodukten. Die ausschließliche Verwendung von Rinderfetten im Grabkontext deutet somit auf die wichtige Rolle des Rindes in der rituellen und spirituellen Sphäre der neolithischen Gesellschaften in Norddeutschland und Südskandinavien hin.

Eine weitere Besonderheit stellt die Fettsäureverteilung einer Probe aus einer Kugelamphore aus dem Ganggrab dar, die darauf hinweist, dass das Gefäß Sanddornöl beinhaltete. Dieser Umstand ist von großem Interesse, da Sanddornöl als exklusive und wertvolle Grabbeigabe angesehen werden kann. Kugelamphoren sind ein zwischen Schwarzem Meer und Ostsee verbreiteter Gefäßtyp, der im Gegensatz zu regionalen Keramiken (z.B. die übrigen untersuchten Gefäße) eine weitreichende Verbreitung aufweist. Sollten Kugelamphoren speziell für wertvolle Öle vorgesehen gewesen sein?

Die vorliegende Studie, veröffentlicht im Journal of Archaeological Science, ist in der Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen der Teilprojekt C1 und E1 entstanden und zeugt von der hohen Interdisziplinarität, welche das SFB 1266 verfolgt.

Weber, J., Brozio, J. P., Müller, J., Schwark, L. 2020. Grave gifts manifest the ritual status of cattle in Neolithic societies of northern Germany. Journal of Archaeological Science 117, 105122. DOI

Abbildung: Zusammensetzung stabiler Kohlenstoffisotopen individueller Fettsäuren in Lipidresten tierischen Urprungs neolithischer Gefäße des Ganggrabes Wangels (rot) und der Siedlung Oldenburg (blau).


04.03.2020

Band 8 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover „Detecting and explaining technological innovation in prehistoric Europe“

"Detecting and explaining technological innovation in prehistoric Europe", herausgegeben von  Michaela Spataro und Martin Furholt, präsentiert die Ergebnisse des gleichnamigen internationalen Workshops, der vom SFB 1266 im November 2017 in Kiel organisiert und als Initiative des Teilprojekts F5 durchgeführt wurde. Es handelt sich um den achten Band der Reihe "Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies" (STPAS).

Der Workshop forderte die Teilnehmer*innen auf, den technologischen Wandel in der Vergangenheit und seine Rolle innerhalb von Transformationsprozessen anhand von archäologischen und ethnographischen Fallstudien zu erkennen und zu erklären.

Sind egalitäre Gemeinschaften weniger innovativ? Ist handwerkliche Spezialisierung von sozialer Komplexität unterscheidbar? Werden Innovationen eher in stabilen oder unsicheren Zeiten angenommen? Ist es wirklich so, dass meist äußere Einflüsse zu Veränderungen von technischen Praktiken führen? Gibt es eine Beziehung zwischen Innovation und der Ausprägung der Vernetzung innerhalb und außerhalb der eigenen Gruppen?

In der Beantwortung dieser Fragen zeigen die Beiträge der Publikation eine hohe Integration verschiedener und interdisziplinärer Forschungsansätze, in denen Feldarchäologie, archäometrische Analysen, experimentelle Archäologie und ethnographische Forschung zusammengebracht werden, um technische Innovationen und Veränderungen innerhalb der chaîne opératoir von materiellen Gütern sichtbar zu machen. Die Ergebnisse gehen dabei über die einfache Beobachtung von Veränderung hinaus und zeigen wie wesentlich das Verstehen technologischer Innovationen und involvierter Prozesse für die Dimension sozialer Transformation in der Urgeschichte sind.

Die 12 Beiträge stellen hauptsächlich Beispiele aus dem prähistorischen Europa vor, mit Fallstudien aus dem Iran, dem Indus-Tal und dem heutigen Mittelamerika eröffnet der Band aber auch eine globale Perspektive.

Der Band kann online kostenlos gelesen und bei Sidestone Press bestellt werden. 

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Spataro, M., Furholt, M. (eds.) 2020. Detecting and explaining technological innovation in prehistory, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 08. Leiden: Sidestone


03.02.2020

Band 6 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

Cover „Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies“

Vom 8. bis 10. März 2018 fand der internationale Workshop ‘Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies’ in Kiel statt – jetzt ist der Tagungsband mit 25 Beiträgen als Band 6 der Reihe “Scales of transformations in prehistoric and archaic societies” bei Sidestone Press erschienen.

In welchen chronologischen, räumlichen und sozialen Kontexten ist Geschlecht eine relevante soziale Kategorie, die im archäologischen Material auffällt? Wie lassen sich Veränderungen im sozialen Geschlechterverhältnis und in der Identität archäologisch erkennen? Ist die Identität prähistorischer Menschen durch das Geschlecht definiert? Wenn ja, wie sieht der kulturelle Kontext? Wie steht es um die Gleichstellung der Geschlechter unter den in der Archäologie tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern? Inwieweit weisen die Forschungsteams sowie ihre wissenschaftlichen Ansätze heute geschlechterspezifische Verzerrungen auf??

Der Workshop bot eine Plattform zur Diskussion eines breiten Spektrums von Ansätzen zu den Interdependenzen zwischen Geschlechterverhältnissen und sozio-ökologischen Transformationsprozessen. Über den Fokus auf archäologische Frauenforschung hinaus bietet die Gender-Archäologie eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Beitrag sozialer Gruppen, die z.B. nach Alter, Geschlecht und Aktivitäten im Zusammenhang mit kultureller Transformation differenziert sind, auf der Grundlage der archäologischen Materialität zu rekonstruieren. So enthält dieser Band Beiträge, die sich mit verschiedenen sozioökonomischen Einheiten von Südwesteuropa bis Zentralasien zwischen 15.000 und 1 v. Chr. befassen. Da sich die Gender-Archäologie, insbesondere die feministische Archäologie, auch mit der Frage der wissenschaftlichen Objektivität oder Voreingenommenheit befasst, sind Teile dieses Bandes der Frage der Chancengleichheit in der archäologischen Wissenschaft gewidmet. Dies geschieht durch die Zusammenführung feministischer und weiblicher Erfahrungen aus einer Reihe von Ländern mit jeweils spezifischen individuellen, kulturellen und sozialen Perspektiven und Traditionen.

Der Band kann online kostenlos gelesen und bei Sidestone Press bestellt werden. 

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Eine Rezension des Buches ist am 19.03.2020 auf www.femarc.de erschienen.

Koch, J.K.Kirleis, W. (eds.) 2019Gender Transformations in Prehistoric and Archaic Societies, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 06. Leiden: Sidestone Press.


03.02.2020

Band 5 der SFB 1266-Reihe STPAS ist erschienen

„Megalithic monuments and social structures. Comparative studies on recent and Funnel Beaker societies“

Megalithische Monumente stellen in den Phasen des Neolithikums und Chalkolithikums in Europa ein übergreifendes und vielfältig ausgeprägtes Phänomen dar. Die Interpretationen dieser Monumente sind so vielfältig wie die Befunde selber und reichen von Verknüpfungen mit dem Entstehen sozialer Ungleichheit hin zu solchen als Erinnerungsräume gesellschaftlicher Kollektive. Es bestehen jedoch nach wie vor offene Fragen, die unter Einbezug kulturanthropologischer Daten in differenzierter und weiterführenden Perspektive bearbeitet werden können. Wie sind beispielsweise sozioökonomische Charakteristika assoziierter Haushalte in Megalithen reflektiert?

Megalithbau stellt jedoch auch ein rezentes Phänomen dar, welches insbesondere im süd- und südostasiatischen Raum seinen Verbreitungsschwerpunkt hat. Der neu erschienene Band 5 der STPAS-Reihe „Megalithic monuments and social structures. Comparative studies on recent and Funnel Beaker societies“ von Maria Wunderlich  behandelt megalithische Monumente in einer vergleichenden Perspektive und schließt rezente Gesellschaftern in Sumba (Indonesien), Nagaland (Indien), sowie archäologisch im Neolithikum zu verortenden Trichterbechergesellschaften im heutigen Norddeutschland ein. Das Buch präsentiert einen umfangreichen Bestand neuer Daten, sowie ein erweitertes Verständnis der Verflechtung und Bedeutung spezifischer Handlungsweisen, des sozioökonomischen Kontextes von Megalithbau, sowie der Beteiligung und Rolle spezifischer sozialer Gruppen. Der Einbezug rezenter Daten ermöglicht dabei weiterreichende Interpretationen und Anknüpfungspunkte auch innerhalb der prähistorischen Archäologie.

Wunderlich, M. 2019Megalithic monuments and social structures. Comparative studies on recent and Funnel Beaker societies, Scales of Transformation in Prehistoric and Archaic Societies 05. Leiden: Sidestone Press.

Das Buch ist auf der Website von Sidestone Press öffentlich einsehbar.


17.01.2020

Starčevo Keramik Technologie: die ersten Töpferprodukte im mittleren Donauraum

Mikroskopische Aufnahme eines Keramikfeinschliffes

Im vierten und kürzlich erschienenen Band der UPA-Reihe Studien zum Neolithikum und Chalkolithikum Südosteuropas stellt Michela Spataro in ihrem Buch „Starčevo ceramic technology: the first potters of the Middle Danube Basin“ die Ergebnisse der technologischen Analysen und Interpretationen der frühneolithischen Keramik des südöstlichen Europas vor.

Im 6. Jahrtausend v.u.Z. fertigten die ersten Bauern der frühneolithischen Starčevo-Gruppe im mittleren Donauraum die ersten Keramiken und Objekte aus gebranntem Ton an. Diese Untersuchung von Alltagswaren, Figurinen und vierbeinigen Gefäßen aus Slawonien (Kroatien), Serbien und Rumänien zeigt, dass durch die Zeit hinweg und in verschiedenen Regionen die gleiche Chaîne Opératoire verwendet wurde. Spataros Arbeit zeigt eine generationsübergreifende Tradition der Herstellungstechnologie. Diese Ähnlichkeit der Töpfertechnologie dient als Indikator für Austausch und Kontakt der Starčevo-Gemeinschaften. Der Mangel an technologischem Austausch mit der zeitgenössischen adriatischen Impresso-Keramik offenbart jedoch eine konservative Gesellschaft, in der die intergenerationelle Weitergabe technischer Fähigkeiten und ein starkes Netzwerk möglicherweise dazu beigetragen haben, die soziale Stabilität im Laufe der Zeit aufrecht zu erhalten.

Die Publikation ist das Ergebnis einer Förderung durch den Leverhulme Trust (Projekt F/07 134/AD, Das frühe Neolithikum auf dem Balkan: Keramikanalyse und kulturelle Prozesse). Abschließende Interpretationen wurden während der Mercator-Professur im Rahmen des SFB 1266 , Teilprojekt F5 vorgenommen. Die Autorin demonstriert nicht nur die Bedeutung der wissenschaftlichen Daten, sondern auch deren Interpretation im historischen und anthropologischen Kontext, die nur durch die detaillierten Kenntnisse der Aspekte dieser frühen Gesellschaften möglich ist. Insofern belegt Michela Spataros Arbeit die Notwendigkeit einer engen transdisziplinären Annäherung an vergangene Gesellschaften.

Spataro, M. 2019Starčevo ceramic technology: the first potters of the Middle Danube Basin, Neolithikum und Chalkolitikum in Südosteuropa 4, Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 341. Bonn: Dr. Rudolf Habelt GmbH.

Abbildung: Mikroskopische Aufnahme eines Keramikfeinschliffes (Foto: M. Spataro).


15.01.2020

Neue Publikation zu frühneolithischen Hausausrichtungen

Magnetischer Plan einer frühneolithischen Siedlung

Menschliches Verhalten wird von vielen Dingen beeinflusst, die uns meist unbewusst bleiben. Dazu gehört ein Phänomen, das unter Wahrnehmungs-psychologen unter dem Begriff „Pseudoneglect“ bekannt ist. Damit bezeichnen sie die Beobach-tung, dass gesunde Menschen ihr linkes Gesichts-feld gegenüber dem rechten bevorzugen und deshalb eine Linie regelhaft links der Mitte teilen.

Eine am Freitag, 10. Januar, in der Online-Zeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Studie zeigt nun erstmals, welchen Effekt diese unscheinbare Abweichung in der prähistorischen Vergangenheit hatte. Ein slowakisch-deutsches Forschungsteam hat die Ausrichtung frühneolithischer Häuser in Mittel- und Osteuropa untersucht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Teilprojekte C2 und G2 sowie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften gelang dabei der Nachweis, dass die Orientierung neu gebauter Häuser um einen kleinen Betrag von derjenigen bereits bestehender Bauwerke abweicht und dass diese Abweichung regelhaft gegen den Uhrzeigersinn erfolgte. Damit können auch geophysikalisch festgestellte Hausgrundrisse vorläufig chronologisch zugeordnet werden. 
Die vollständige Pressemitteilung der CAU Kiel finden Sie hier.
Der Beitrag hat auch schon öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt und wurde bereits vom BBC World Service, dem Tagesspiegel, Archaeologie Online, SciTechDaily, FR24news, La Brújula Verde, und Eurekalert aufgegriffen.

Müller-Scheeßel, N., Müller, J., Cheben, I., Mainusch, W., Rassmann, K., Rabbel, W., Corradini, E., Furholt, M. 2020. A new approach to the temporal significance of house orientations in European Early Neolithic settlements. PLoS ONE 15 (1): e0226082. DOI

Grafik: Magnetischer Plan einer frühneolithischen Siedlung. Jeweils zwei der dunklen Linien mit einer Länge von 20 bis 30 Metern bilden den Teil eines Hauses ab (Abbildung: N. Müller-Scheeßel).


 

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