SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Phase 1 - Forschungsaktivitäten 2016-2020


F1: Supra-regionale Krisen: Abrupter Klimawandel und Reaktionen (multi-kultureller) prähistorischer und archaischer Gesellschaften im westmediterranen Raum und in Südeuropa um 4200 vor heute



Teilprojektleitung: Priv.-Doz. Dr. Mara Weinelt, Dr. Jutta Kneisel, Dr. Christoph Rinne, Prof. Dr. Ralph Schneider
Mitarbeitende: Julien Schirrmacher, Dr. Artur Seang Ping Ribeiro
 

 

2016

Mit dem Ziel die Rolle des 4.2 ka BP Ereignisses auf der Iberischen Halbinsel zu untersuchen, kompilierte das F1-Teilprojekt eine umfassende Datenbank zu archäologischen Siedlungen in der Region von dem Neolithikum bis zur frühen Bronzezeit. Dazu wurden vor allem Online-Datenbanken wie z.B. das ‘Portal do Arqueólogo’ der ‘Direção Geral do Património Cultural’ durchsucht. Diese Datenbank bildete die Grundlage für den Vergleich von archäologischen und paläo-klimatologischen Daten, die im Laufe des Teilprojektes produziert wurden. Die archäologischen Arbeiten konzentrierten sich im weiteren Verlauf auf zwei Kerngebiete im Süden Portugals sowie in Südwest-Spanien (Abb. 1). Diese Kerngebiete wurden ausgewählt, weil sie eine große Überlappung mit den paläo-klimatischen Archiven, die über die Einzugsgebiete der beiden Flüsse Guadalquivir und Guadiana Auskunft liefern. Die beiden marinen Sedimentkerne, die zur Rekonstruktion von Meeresoberflächentemperaturen sowie Niederschlägen genutzt werden, stammen aus dem Golf von Cádiz bzw. dem Alboran-Meer (Abb. 1). Noch vor der Laborarbeit wurden zunächst portugiesische und spanische Kollegen gesucht, um Feldarbeiten und weitere intensive Zusammenarbeit abzusprechen.

Kerngebiete und Siedlungen der archäologischen Analysen sowie die marinen Sedimentkerne, die für Umwelt und Klimarekonstruktionen genutzt werden
Abb. 1. Kerngebiete und Siedlungen der archäologischen Analysen sowie die marinen Sedimentkerne, die für Umwelt und Klimarekonstruktionen genutzt werden, zu Beginn des Teilprojektes.

2017

Zu dieser Zeit hatte das archäologische Team eine Datenbank von mehr als 600 Siedlungen im Bereich der Einzugsgebiete des Guadalquivir und des Guadiana zusammengetragen und etwa 20.000 Datensätze in den Radiokarbon-Datenbanken Radon bzw. Radon-B archiviert. Dieser umfassende Datensatz machte es möglich detaillierte Populationsrekonstruktionen durchzuführen und demographische zeitliche sowie räumliche Veränderungen zu untersuchen. Das paläo-klimatologische Team hat unterdessen die Laborarbeit weitgehend abgeschlossen und lieferte zeitlich hochaufgelöste Klimarekonstruktionen zu beiden Sedimentkernen, die einen detaillierten Vergleich mit den demographischen Rekonstruktionen während des 4.2 ka BP Ereignisses zuließen.

Zudem gab es eine kurze Reise nach Portugal, um sich ein Bild von zwei potentiellen Standorten für zukünftige archäologische Feldarbeiten zu machen. Bei diesen Standorten handelte es sich um Horta do Albardão (Abb. 2) und Monte da Contenda (Abb. 3). Obwohl es Hinweise auf eine kupfer- und bronzezeitliche Besiedlung von Horta do Albardão, welche diesen Standort für detaillierte Feldarbeiten sehr interessant macht, wäre eine Feldkampagne enorm aufwendig gewesen, da das Gebiet von einer Straße geteilt wird und außerdem von rezenten Strukturen bedeckt ist. Aus diesen Grund wurde entschieden eine spätere Feldkampagne in Monte da Contenda durchzuführen.

Standort von Horta do Albardão
Abb. 2. Standort von Horta do Albardão, an dem kupfer- und bronzezeitliche Strukturen sowie materielle Kultur gefunden wurde.

2018

In diesem Jahr trafen sich Wissenschaftler aus dem F1-Teilprojekt mit António Valera sowie portugiesischen Kollegen von der Era Arqueologia zu einer geomagentischen Untersuchung in Monte da Contenda. Dieser Standort ist eine von vielen Grabenanlagen in der Alentejo Region, die erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt wurden. In den späten 90er Jahren waren zunächst nur fünf Grabenanlagen in der Alentejo Region gefunden worden. Heutzutage sind etwa 65 Grabenanlagen in der Region bekannt. Zeitlich wurden die neolithischen und kupferzeitlichen Grabenanlagen zwischen dem mittleren 4. und späten 3. Jahrtausend BCE errichtet und somit endet dieses archäologische Phänomen in etwa zeitgleich mit dem Auftreten des 4.2 ka BP Ereignisses.

Die geomagnetische Untersuchung in Monte da Contenda erwies sich als sehr aufwendig aufgrund der Untergrundbedingungen (Abb. 3) sowie der hohen Temperaturen im Sommer, welche die Ausrüstung beeinträchtigten. Nichtsdestotrotz erhielten wir ein umfassendes und detailliertes magnetisches Abbild des Untergrundes des Standortes (Abb. 4). Anhand dieses Untergrundabbildes konnten insgesamt zwei große Grabensysteme mit vielen kleineren Gräben ausgemacht werden, was Monte da Contenda aktuell zur Grabenanlage mit den meisten Gräben in ganz Portugal macht. Zudem fanden wir an der Oberfläche unzählige geschliffene Steinäxte und Dechseln, Mahlsteine, Teile von Webstühlen, verzierte Keramik und bearbeitetes lithisches Material (Abb. 5).

Geomagnetische Prospektion in Monte da Contenda zwischen Oliven- und Mandelplantagen
Abb. 3. Geomagnetische Prospektion in Monte da Contenda zwischen Oliven- und Mandelplantagen.

Die geomagnetische Untergrundkarte von Monte da Contenda
Abb.4. Die geomagnetische Untergrundkarte von Monte da Contenda, welche von Wissenschaftlern des F1 Teilprojektes in 2018 erstellt wurde.

Eine bearbeitete Pfeilspitze aus Schiefer
Abb. 5. Eine bearbeitete Pfeilspitze aus Schiefer, welche während der Feldarbeiten in Monte da Contenda gefunden wurde.

Direkt im Anschluss an die Felgkampagne organisierten wir einen kleinen Workshop zum Thema „Klima und Frühgeschichte in Süd-Iberien“ in Lissabon, welcher einen intensiven Austausch zwischen Wissenschaftlern aus dem F1-Teilprojekt und portugiesischen sowie spanischen Experten und Partnern aus der Klimatologie sowie der Archäologie ermöglichte (Abb. 6).

Teilnehmer am Workshop “Klima und Frühgeschichte in Süd-Iberien“ in Lissabon 2018
Abb. 6. Teilnehmer am Workshop “Klima und Frühgeschichte in Süd-Iberien“ in Lissabon 2018.

Außerdem gab es in diesem Jahr eine Zusammenarbeit zwischen dem F1 und dem A1-Teilprojekt, aus der zwei Publikationen hervorgingen die zum einen theoretische Aspekte des kulturellen und umweltbezogenen Determinismus und zum anderen die Beziehung zwischen der theoretischen und empirischen kulturell-ökologischen Wissenschaft  untersuchten.

2019

Wissenschaftler im F1-Teilprojekt untersuchten wie Klimawandel das ideologischen System vergangener Kulturen beeinflusst, um die Rolle von Klimaänderungen auf Kulturen besser zu verstehen. Speziell lag hier der Fokus auf der Ideologie der kupferzeitlichen Kultur in Süd-Iberien. Vor diesem Hintergrund wurden zwei Kampagnen gestartet, um Keramik der Grabanlage in Perdigões zu analysieren (Abb. 7) und mit der des Standortes Bela Vista 5 zu vergleichen. Bei beiden Standorten handelt es sich um Grabanlagen, die bereits seit vielen Jahren von portugiesischen Kollegen untersucht wurden. Aus diesem Grund ist bereits bekannt, dass beide Grabanlagen zeitgleich mit dem 4.2 ka BP Ereignis zum Ende des 3. Jahrtausends BCE verlassen wurden. Die Arbeit an der Keramik aus diesen beiden Kampagnen wird derzeit noch in Kiel vorgesetzt, aber schon jetzt lässt sich sagen, dass das ideologische System, welches sich durch üppige Verzierung der Keramik darstellt, zum Ende der Besiedlung der Standorte allmählich aufgegeben wurde. Dies ging einher mit einer gröberen Keramikproduktion sowie mit der vermehrten Herstellung offener Formen wie z.B. Tellern. Diese Veränderung deutet auf eine Umstellung der Ernährung hin, die möglicherweise in Verbindung mit einer geringeren Verfügbarkeit von Wasser als Ressource steht. Auf solch einen Mangel an Wasserressourcen haben wiederrum die paläo-klimatologischen hingewiesen, die einen generellen Rückgang der Niederschläge zu dieser Zeit belegen (Schirrmacher et al. 2019).

Aufnahme der Keramik von Perdigões aus dem späten 3. Jahrtausend BCE
Abb. 7.  Aufnahme der Keramik von Perdigões aus dem späten 3. Jahrtausend BCE.

Zusätzlich startete in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit unseren portugiesischen Partnern eine palynologische Pilotstudie in Perdigões. Partner aus Stuttgart untersuchen hier Pollendaten mit dem Ziel die vergangenen Umweltbedingungen an dem Standort während seiner 1500-jährigen Besiedlung zu rekonstruieren (Abb. 8). Diese Studie ist aktuell noch in vollem Gange.

Das palynologische Team bei der Beprobung der stratigraphischen Profile in Perdigões
Abb. 8. Das palynologische Team bei der Beprobung der stratigraphischen Profile in Perdigões.