SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Phase 1 - Forschungsaktivitäten 2016-2020


D2: Transformationen sozialer und ökonomischer Praxis im Gebiet der Deutschen Mittelgebirge während des 3. Jahrtausends v.u.Z.



Teilprojektleitung: Dr. Christoph Rinne, Prof. Dr. Martin Furholt
Mitarbeitende: Clara Drummer, Marianne Talma
 

 

Forschungsagenda

D2 Netzwerkanalyse
Abb. 1. Netzwerkanalyse auf Grundlage der Häufigkeit von schnurkeramischen Gefäßformen und -verzierungen, Werkzeugen, Waffen und Ornamenten. Die Linienstärke symbolisiert die Ähnlichkeit. (Furholt 2014)

Projekt D2 untersucht die Transformationen ritueller und ökonomischer Praxis und der Landschaftsnutzung im Kontext von Gesellschaften des 3. Jahrtausends v.u.Z., die gemeinhin mit dem ersten Auftreten der Schnurkeramik verbunden sind. Hauptfragestellung ist es, festzustellen inwieweit die sichtbaren Veränderungen im Bestattungsritus und in der materiellen Kultur mit ökonomischen Veränderungen sowie mit einer veränderten Landnutzung verbunden sind. Dies wird hauptsächlich durch die Untersuchungen zu sozialen Netzwerken, Mustern der Ernährung und der Mobilität erreicht.

3D Knochenlagen
Abb. 2. Galeriegrab Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). Dreidimensionale Darstellung der Knochenlagen in den zehn Straten der Ausgrabung von 1961. (Grafik: C. Rinne)

Forschungsergebnisse

Die erste Phase von D2 hat drei große Transformationen ergeben, die in der aktuellen Forschung noch nicht klar verstanden werden. Diese betreffen auch die aktuellen Migrationsdebatten, die sich zu sehr auf den Übergang zu Schnurkeramik nach 2900 v. Chr. und deren Verbindung zur osteuropäischen Steppe konzentrieren und deutlich nuanciert werden. Die drei großen Transformationen sind: (1) Ein Bevölkerungseinfluss mit Merkmalen westeuropäischen Ursprungs um 3800 v. Chr., der wahrscheinlich mit der Ausbreitung von Michelsberg und großen Grabenwerken zusammenhängt und als konstituierendes Ereignis die neolithischen Gemeinschaften der Mittelgebirgsregionen bildet. (2) Ein deutlicher Bruch im Bestattungsritual um 3100 v. Chr., der die auch aus Norddeutschland bekannte Bestattung in Galeriegräbern beendete (vgl. C1. (3) Die erneute Nutzung von Galeriegräbern ab 2600 v. Chr mit einer lange anhaltenden Nachnutzung.

Forschungsaktivitäten

Um die Transformation gesellschaftlichen Verhaltens in ritueller und ökonomischer Praxis aus dem 4. Jahrtausend und in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends darzustellen, wurden herausragende Fundstellen einzelner Kleinregionen ausgewählt und für die interdisziplinär Analyse innerhalb des Sonderforschungsbereiches erneut bearbeitet. Im Fokus standen überwiegend Galeriegräber, Grabenwerke und Siedlungen des Südniedersächsischen und Hessischen Raumes sowie Grabbefunde der Schnurkeramik überwiegend aus dem Raum um Frankfurt.

Insgesamt wurden 37 Fundstellen unter dem Aspekt der Forschungsvorhabens eingehend quellenkritisch Analysiert und 19 von diesen aus den Regionen Südniedersachsen, Kassel, Marburg Wiesbaden und Frankfurt ausgewählt. Die Analysen umfassen eingehende Neubewertungen der noch vorliegenden Ausgrabungsdokumentationen, eigene geophysikalische Prospektionen, typologische und materialwissenschaftliche Analysen der Funden als auch Probenentnahme für Radiokarbondatierungen und die Extraktion von aDNA.

Siedlungsformen

Hervorzuheben sind die Untersuchungen auf den Grabenwerken von Wabern - Uttershausen, Wittelsberg und Einbeck - Kleiner Heldenberg, die durch geophysikalische Prospektionen erstmals vollständig in ihrer Struktur dokumentiert werden konnten und zahlreiche Details zu Struktur und Organisation erkennen lassen. Für den Fundplatz Wittelsberg liegen in einem Ausschnitt ältere Grabungsergebnisse vor, die innerhalb des Grabensystems Grubenhäuser erbracht hatten. Die großflächige geophysikalische Prospektion erlaubt es, diese frühen Ergebnisse auf das gesamte Siedlungsareal von 1,5 ha zu übertragen. In Kombination mit der gezielten Analyse von Grubeninventaren können so detaillierte Aussagen zur Siedlungsplatzorganisation in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends erfolgen, u.a. zur Ausrichtung und Lage von insgesamt 11 Hausgrundrissen.

Wittelsberg-Magnetik geomagnetische Prospektion
Abb. 1. Wittelsberg 7: Plan der geomagnetischen Prospektion mit hervorgehobenen Hausgruben und weiteren Befunden.

Das Grabenwerk von Wabern – Uttershausen ist bisher nur durch einen Bericht zu einer kleinen Sondage am nördlichen Rand und durch drei Radiokarbondatierungen mit einer sehr großen Standardabweichung von 4. bis in das ausgehende 3. Jahrtausend bekannt. Das Bodendenkmal befindet sich auf einem markanten Sporn über einem Nebenfluss der Eder und ist durch einen Bergbau und eine Eisenbahntrasse stark beeinträchtigt. Die verbleibenden und begehbaren Flächen wurden geophysikalisch prospektiert, um die Struktur dieses bedeutenden Bodendenkmals erstmals zu erfassen. Aus der Kombination der Untersuchung und der Morphologie ergibt sich eine Siedlungsfläche von ca. 10 ha mit einer Innenfläche von etwa 8 ha. Deutlich lassen sich ein doppeltes Grabensystem mit innenliegender Palisade, ein Freiraum als auch eine Fläche mit hoher Befunddichte abgrenzen. Ein großer Teil der Messungen ist durch Klüfte im anstehenden Fels geprägt und nur schwer zu interpretieren. Zu ergänzen sind sehr wahrscheinliche Grabbefunde des Spätneolithikums oder der Bronzezeit.

Wabern-Uttershausen-Magnetik Magnetogram
Abb. 2. Uttershausen 3: Magnetogram (Gradiometer, +/- 8 nT) der Prospektion mit wesentlichen Befunde. Kartengrundlage TK25 (c) Hessisches Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation.

Die Ergebnisse der Untersuchung an den Fundplätzen bieten zahlreiche Ansätze für vergleichende Analysen innerhalb des Forschungsprojektes als auch zu herausragenden Fundplätzen wie dem Burgerroth in Unterfranken. Gemeinsamkeiten und Unterschiede weisen insgesamt sowohl auf regionale Spezifika als auch einen insgesamt eher dynamischen Wandel hin der geeignet ist, kleinskalige Transformation abzubilden. Die  technologische Analyse der Keramik von Wittelsberg und  den wartbergzeitlichen Höhensiedlungen erlauben den regionalen Vergleich als auch die Beschreibung von Unterschieden zur Keramik der benachbarten Grabanlagen.

Grabmonumente und Tradition

Die initiale Arbeit an dem Galeriegrab von Niedertiefenbach wurde um die Bearbeitung des Galeriegrabes Altendorf und des Felskammergrabes von Sorsum erweitert. Hinzu kommt die Bearbeitung von schnurkeramischen Gräberfeldern bei Frankfurt und weiteren Grabanlagen des Endneolithikums und der frühen Bronzezeit in Hessen. Für Niedertiefenbach wurde in enger Zusammenarbeit innerhalb des Sonderforschungsbereiches für die im archäologischen Befund erkennbaren Bestattungsphasen ein präzises chronologisches Modell entwickelt. Innerhalb dieses zeitlichen Rahmens wurde für das Bestattungskollektiv Verwandtschaft als auch Veränderungen im Krankheitsbild beschrieben.

Das Galeriegrab von Altendorf bildete innerhalb der gewählten Schlüsselfundplätze des Projektes  einen Schwerpunkt. Dies umfasste die eingehende Aufarbeitung und Neubewertung aller in den Archiven vorhandener Dokumente und Funde mit neuen Methoden. Alle Pläne und Aufzeichnungen wurden für eine möglichst dreidimensionale Rekonstruktion aufgenommen gesichtet. Auch die keramischen Funde wurden erneut untersucht um Proben für die naturwissenschaftlichen Analysen zu technologischen Aspekten der Herstellung entnehmen zu können. Zudem erfolgte eine umfangreiche Probenentnahme für die Untersuchungen von aDNA und ein Datierungsprojekt. Die stratigrafische Aufarbeitung mündete in ein komplexes Modell der Belegungsabfolge, welches mit den Ergebnissen der Radiokarbondatierungen korreliert wurde. Die naturwissenschaftlichen Datierungen zeigen neben der präzisierten absolutchronologischen Einordnung der primären, wartbergzeitlichen Bestattungsaktivität eine ausgedehnte regelmäßige Beisetzung bis zum regionalen Beginn der Urnenfelderzeit. Altendorf ist ein herausragender Fundplatz für die Analyse von Synchronizität und der zeitliche Dimension von Transfromation.

Altendorf Radiokarbondatierung Dichtemodell
Abb. 3. Altendorf: Die Verteilung von 37 Radiokarbondatierungen in einem Dichtemodell mit einer intensiven ersten Nutzungsphase und nachfolgender stetiger Belegung bis 1500 cal BC.

Die Archivalien des Felskammergrabes von Sorsum wurden ebenfalls für eine dreidimensionale Rekonstruktion und die Aufarbeitung der Bestattungsvorgänge aufgearbeitet. Dies erfolgte vor allem aufgrund der Bedeutung der Anlage und zugleich zugunsten der regionalen Anbindung an den Untersuchungsraum des Teilprojektes D3 und eigene frühere Forschung. Erste Radiokarbondatierungen widersprechen deutlich einem einfachen Modell zur Belegungsabfolge; vielmehr deutet sich in Kombination mit der Lage der Skelette eine relativ kurze Bestattungsabfolge über sehr wenige Generationen an. Die aDNA Analyse hat einen der bisher selten nachgewiesenen Erreger von Hepatitis-B erbracht. Zu ergänzen sind die Sichtung und selektive Aufbereitung schnurkeramischer und frühbronzezeitliche Bestattungsplätze.

Sorsum Aufsicht 3D-Sicht Verfuellung aus Steinen und menschlichen Knochen Felskammergrab
Abb. 4. Sorsum: Aufsicht und 3D-Sicht auf die Verfüllung aus Steinen und menschlichen Knochen in dem Felskammergrab.

Mineralogische Untersuchungen

Von zahlreichen Fundplätzen wurden die Funden untersucht, insbesondere ausgewählte Keramik auf der Grundlage von fast 100 Anschliffen. Ein besonderer Fokus lag hier auf der mineralogischen Charakterisierung. Neben der makroskopischen Analyse kamen neben Röntgenrefraktion (XRF, pXRF) in ausgewählten Einzelfällen weitere Verfahren wie Mikrotomographie (myCT) zur Analyse von Porosität oder Rasterelektronenmikroskop (REM/SEM). Dier Ergebnisse bieten zahlreiche Ansätze zur Beantwortung der Fragen nach den regionalen Besonderheiten, der Provenienz des Rohmaterials und chronologischen Unterschieden.

Hauptkomponentenanalyse (PCA) der Ergebniss aus der Keramikanalyse mittels portablem XRF Gerät
Abb. 5. Hauptkomponentenanalyse (PCA) der Ergebniss aus der Keramikanalyse mittels portablem XRF Gerät.

Forschungsaktivität 2019

In 2019 lag der wesentliche Schwerpunkt der Forschungsaktivität in der Publikation der bisherigen erarbeiteten Erkenntnisse zu Themen und Fundplätzen aus den zurückliegenden Jahren.  Dies beinhaltet das abschließende Erscheinen als auch die Weiterentwicklung aktueller Manuskripte. Perspektivisch haben sich hieraus neue Forschungsfragen ergeben, z. B. zur Siedlungsentwicklung im Mittelgebirgsraum in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends, die ergänzend in den Fokus genommen werden.

In einer Publikation zu Ansteckenden Krankheiten im Neolithikum wird der sehr allgemeine Topos des zunehmenden Infektionsrisikos durch Siedlungsagglomeration und das Zusammenleben mit Tieren betrachtet. In dem Beitrag wird aus der Perspektive der der aDNA-Forschung, der physischen Anthropologie und der Archäologie einzelne Fakten, Szenarien und Erwartungen unter der genannten Prämisse diskutiert. Für die archäologischen Perspektive wurde der Schwerpunkt auf eine zu erwartende Verhaltensänderung und neue Konzepte in der Behandlung der Toten und der Größe oder auch Organisation von Siedlungsgemeinschaften gesetzt. Hierfür wurden Daten zu diesem Thema diachron für das Neolithikum zwischen von den Mittelgebirgen bis an die Alpen zwischen Rhein und Elbe gesammelt und analysiert.

Transformationen in Siedlungen und Bestattungsgemeinschaften im Neolithikum in der Deutschen Lösszone
Abb. 6. Transformationen in Siedlungen und Bestattungsgemeinschaften im Neolithikum in der Deutschen Lösszone. Die Daten werden als Box-and-Whisker-Diagramme über Zeitscheiben dargestellt. Das Diagramm für die Hausgrößen weist zusätzliche Kerben auf, um ein 95%- Konfidenzintervall für Unterschiede in den Medianen zu veranschaulichen. EN: Frühneolithikum; MN: Mittelneolithikum; YN: Jüngeres Neolithikum; LN: Spätneolithikum; FN: Endneolithikum.