SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Forschungsaktivitäten 2016-2019

Forschungsstrategie

Innerhalb des Verbreitungsgebietes von menschlichen Gruppen mit dem Label ‚Tripolye‘ sind ausgeprägte regionale Unterschiede sichtbar, die unter anderem die Größe und Dichte von Siedlungen, Aspekte materieller Kultur und potentiell auch Umwelt und Subsistenz betreffen. Beispielsweise finden sich sogenannte Mega-Siedlungen oder Giant-settlements mit einer Größenordnung von 100 ha oder mehr nahezu ausschließlich konzentriert im Gebiet zwischen Südlichem Bug und Dnjepr (Untersuchungsregion A), während Siedlungen westlich des Südlichen Bug und Dnjestr fast durchweg deutlich kleiner sind (Untersuchungsregionen B und C).

Karte mit Untersuchungsregionen A-C
Abb. 1. Karte mit Untersuchungsregionen A-C und Lokalisierung von Forschungsaktivitäten ausgeführt im Rahmen des Teilprojektes D1 „Bevölkerungskonzentration in Tripolye-Cucuteni Großsiedlungen“ einschließlich der Vorarbeiten.

Um das Phänomen ‘Tripolye’ und der von Tripolye-Großsiedlungen möglichst umfassend in seiner räumlichen Variabilität zu verstehen, erfolgen unsere Untersuchungen auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen in drei Untersuchungsregionen in unterschiedlichen Teilen des Tripolye-Cucuteni-Komplexes: 1) In jeder dieser Test-Regionen werden in Schlüsselfundstellen (key-sites) mit einem interdisziplinären Ansatz die lokale Siedlungsdynamik, die wirtschaftlichen Grundlagen und der Einfluss auf die Umgebung der Siedlung untersucht. 2) Untersuchungen auf klein- und meso-regionaler Ebene zielen auf die Rekonstruktionen von Siedlungssystemen und der mit der Herausbildung und dem Niedergang von Großsiedlungen verbundenen Dynamik ab. 3. Der Vergleich von Trajektorien in unterschiedlichen Untersuchungsregionen bietet eine makroregionale Perspektive.

Die Anwendung von mittel- bis großflächigen magnetischen Surveys stellte eines der entscheidenden Kriterien für die Auswahl der Schlüsselfundstellen dar und bildete das Rückgrat einer abgestuften Grabungs- und Beprobungsstrategie. Diese Methodik zielt auf die Verlinkung magnetischer Pläne und gezielter Ausgrabungen von Schnitten und Testschnitten ab, die die Identifizierung von Mustern in den teils extrem großen Siedlungen erlaubt.

Radiometrische Datierungen (Untersuchungsregionen A-C)

Verbunden mit den unterschiedlichen Feldarbeiten des Projektes wurden über die gesamte Projektlaufzeit (einschließlich Vorarbeiten) insgesamt c. 290 neue 14c-Datierungen aus gesicherten Kontexten datiert, die zu einem erheblich besseren Verständnis der Dynamik von Mega-Sites und kleineren Fundstellen im Prozess der Formierung und der Desintegration von agglomerierten Tripolye-Siedlungen beitragen (Müller et al. 2016a; Rud et al. 2019). Es wurde der Versuch unternommen aus jeder Schlüsselfundstelle datierbare Proben und klassifizierbares Fundmaterial zu erhalten entweder durch Ausgrabungen oder durch die Erschließung von Materialien aus Archiven.

Archäologische Feldarbeiten 2016

Feldforschungen in der Schlüsselfundstelle Maidanetske (Untersuchungsregion A)

In Zusammenarbeit mit der der Boris Grinchenko Universität (Misha Videiko) und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften (NASU) (Vitalii Rud, Natalia Burdo) wurden im Sommer 2016 Feldarbeiten an der Schlüsselfundstelle Maidanteske fortgesetzt, die bereits im Rahmen umfangreicher Vorarbeiten begonnenen worden waren (z. B. Rassmann et al. 2014; Ohlrau 2015; Müller et al. 2017; Kirleis/Dal Corso 2016; Kirleis/Dreibrodt 2016; Ohlrau in press).

Luftbild der 200 ha großen Schlüsselfundstelle Maidanteske mit geöffneten Schnitten der Grabungskampagne 2016
Abb. 2. Luftbild der 200 ha großen Schlüsselfundstelle Maidanteske mit geöffneten Schnitten der Grabungskampagne 2016. (Foto: R. Ohlrau)

Untersuchung eines kupferzeitlichen Versammlungshauses aus der Zeit um 3750 v. Chr. in der Siedlung Maidanetske, Ukraine
Abb. 3. In intensiver Teamarbeit und mit modernen Dokumentationsmethoden untersucht ein ukrainisch-deutsches Forscherteam ein kupferzeitliches Versammlungshaus aus der Zeit um 3750 v. Chr. in der Siedlung Maidanetske, Ukraine. (Foto: SFB 1266)

Nachdem bei den Vorarbeiten des Projektes Wohnhäuser und Gruben in unterschiedlichen Teilen der Siedlung systematisch auf Datierung, Architektur und Ökonomie untersucht worden waren, erfolgte jetzt die Evaluierung von Freiflächen. Dabei wurden mehrere Sondagen in der umlaufenden Ringstraße und im Zentrum der Siedlung ausgegraben. Deren archäologische, bodenkundliche und botanische Auswertung verspricht Erkenntnisse zur Frage, für welche Zwecke das unbebaute Areal im Zentrum der Siedlung genutzt worden sein könnte.

Interpretation des archäomagnetischen Plans der Fundstelle Maidanetske mit Grabungsschnitten der Kampagnen 2013 (50-79), 2014 (80-103) und 2016 (110-116).
Abb. 4. Interpretation des archäomagnetischen Plans der Fundstelle Maidanetske mit Grabungsschnitten der Kampagnen 2013 (50-79), 2014 (80-103) und 2016 (110-116). Areale mit den Buchstaben A-D bezeichnen die im Jahre 2016 untersuchten Flächen. (Umzeichnung: R. Ohlrau)

Erstmals wurde ein in den archäo-magnetischen Prospektionen sichtbares Grabenwerk untersucht, das in auffälliger Weise parallel zu dem umlaufenden Ringkorridor der Siedlung verlief. Durch die Grabungen konnte gezeigt werden, dass es sich bei dem Graben eigentlich um eine Aneinanderreihung von kurzen Grabensegmenten handelt, die einer sehr frühen Phase der Siedlung abgelegt worden waren (Ohlrau in press).

Ein wesentlicher Fokus der Feldaktivitäten bestand außerdem in der Ausgrabung einer sogenannten Mega-Struktur gelegen im Ringkorridor der Siedlung: Die extrem gut sichtbaren Lage, die einstöckige Architektur mit einem offenen Innenhof und die verglichen mit häuslichen Kontexten relativ geringe Fundmengen verweisen auf einen speziellen Charakter dieser Baustruktur als nicht ständig bewohnten Platz für unterschiedliche integrative Tätigkeiten und das Aushandeln von Entscheidungen (Hofmann et al. 2019).

Luftaufnahme der freigelegten Megastruktur in Schnitt 111
Abb. 5. Luftaufnahme der freigelegten Megastruktur in Schnitt 111. Anhand der Brandlehmreste sind ein überdachter Bereich, ein offener Hof und dessen Einfriedungswand erkennbar. (Foto: R. Ohlrau)

Identifizierung unterschiedlicher Aktivitätszonen innerhalb der Mega-Struktur
Abb. 6. Basierend auf Analysen von unterschiedlichen Fundverteilungen  können innerhalb der Mega-Struktur unterschiedliche Aktivitätszonen identifiziert werden. (nach Hofmann et al. 2019, PloSOne, Fig. 11)

Archäologische Surveys in anderen Fundstellen (Untersuchungsregion A)

Neben den Ausgrabungen in Maidanteske wurden in archäo-magnetische Surveys in Maidanteske und anderen Fundstellen der Region (Kosenivka, Grebenyukiv Yar) durchgeführt. Kleinere Grabungen in Moshuriv 1 und Vitiivka zielten vor allem auf die Frage ihrer Funktion und Zeitstellung im Prozess der Formierung und des Niedergangs von Tripolye-Großsiedlungen ab.
 

Archäobotanische Feldarbeiten im Sommer 2016

Im Sommer 2016 wurde im Rahmen des SFB 1266 Teilprojektes D1, eine Ausgrabung der Tripolye Megasite Maidanets‘ke in der zentralen Ukraine durchgeführt. Dabei wurden Proben für die Untersuchung botanischer Makroreste und Phytolithen aus verschiedenen archäologischen Kontexten gesammelt, darunter aus den Überresten eines großen Gemeinschaftsgebäudes („mega-structure“ Hofmann et al. 2019; Abb. 7a & b) und der zentralen Ausgrabungsfläche (Abb. 7c). Das Schlämmen der feinkörnigen, festen Pflanzenreste wurde während der gesamten Grabung regelmäßig durchgeführt (Abb. 7d). Für die Analyse der Phytolithen wurden zusätzlich zu den Proben aus archäologischen Kontexten (Abb. 7e: Sortierung der Proben) auch Proben moderner Steppenvegetation entnommen (Abb. 7f & g; Federgräser). Das 2016 beprobte Pollenarchiv zeigte nur spärliche Pollenerhaltung.

Archäobotanische Feldarbeiten im Sommer 2016
Abb. 7 a-g. Verschiedene Aufnahmen der archäobotanischen Feldarbeiten im Sommer 2016. (Fotos: M. Dal Corso & W. Kirleis)
 

Archäologische Feldarbeiten 2017

Archäologische Surveys in den Regionen um Talne, Novoarchangelsk und Krychopil (Untersuchungsregionen A & B) 

In Zusammenarbeit mit Kollegen der ukrainischen Akademie der Wissenschaften wurden im Frühjahr des Jahres 2017 zwei Surveys in der Umgebung der Städte Talne und Novoarchangelsk im Südlichen Bug-Dnjepr-Zwischenstromgebiet (Untersuchungsregion A) und im Umfeld von Krychopil (Untersuchungsregion B) durchgeführt. Mit der Zielstellung, neue Daten zur Entwicklung  von Siedlungsplänen in zeitlicher Tiefe zu sammeln, umfassten die Surveys archäo-magnetische Prospektionen, Testgrabungen und Oberflächenabsammlungen.

Arbeitssituation während des magnetischen Surveys in Vilshanka
Abb. 8. Arbeitssituation während des magnetischen Surveys in Vilshanka. (Foto: G. Salefski)

In beiden Untersuchungsregionen konzentrierten wir uns auf die Untersuchung von mittleren bis großen Fundplätzen, die am Beginn der Sequenz von Tripolye Großsiedlungen stehen und Informationen zur Genese des charakteristischen Tripolye-Siedlungslayouts liefern können. In der Umgebung von Talne und Novoarchangelsk wurden die drei Siedlungsplätze Chychivka, Vesely Kut und Volodymyrovka jeweils in signifikantem Umfang  prospektiert und durch Testschnitte Material für radiometrische Datierungen gewonnen. Zusammen mit anderen seit der sowjetischen Ära durchgeführten Prospektionen liegt damit aus Untersuchungsregion A bereits eine umfassende Sequenz von Siedlungsplänen aus den Perioden Tripolye A-C 2 vor.

Wegen seiner peripheren Lage abseits von den großen Tripolye Mega-Siedlungen war dagegen der Forschungstand in der Region um Kryschopil deutlich lückenhafter. Bei unserem Survey wurden in  Ternivka, Vilshanka und Zabolotne drei Siedlungspläne aus der frühen Tripolye-Zeit und in Gariachkivka und Krynychky aus der späten Tripolye-Zeit archäomagnetisch prospektiert. Zusätzlich erfolgten Untersuchungen an der Spornsiedlung Voroshilivka am südlichen Bug. Insgesamt zeigen die Siedlungspläne der Untersuchungsregion B markante Unterschiede zum Layout von Siedlungen der Region um Uman und auffälligeÜbereinstimmungen zu Siedlungen im Westen des Tripolyekomplexes.

Grabung in Trostiyanchyk (Untersuchungsregion B)

In Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Institut der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften und der Pädagogischen Hochschule Winnyzja wurden im Juni Ausgrabungen in der auf einem geschützten Sporn gelegenen kleine (3 ha) Tripolye BII Siedlung Trostjantschyk in einem Seitental des südlichen Bug durchgeführt. Neben der Untersuchung eines Grabens standen dabei mehre hoch-magnetische Anomalien im Fokus unseres Interesses, die als möglich Reste von Töpferöfen infrage kamen. Bei den Untersuchungen ging es unter anderem um die Frage, wann und unter welchen Bedingungen spezialisierte Zweikammer-Brennöfen zur Keramikproduktion entwickelt wurden, die in Tripolye-Mega-Siedlungen auftreten und danach für Jahrtausende zu bestimmenden Brennofentyp wurden (Rud et al. in press).

Restaurator Slava Fedorov beim Freilegen eines Gefäßes in einer Grube der Siedlung Trostiyanchyk und restaurierte Gefäße der gleichen Siedlung
Abb. 9. Restaurator Slava Fedorov beim Freilegen eines Gefäßes in einer Grube der Siedlung Trostiyanchyk und restaurierte Gefäße der gleichen Siedlung. (Fotos: V. Rud)

Die Siedlung Trostiyanchyk war durch zwei parallele Gräben befestigt
Abb. 10. Die Siedlung Trostiyanchyk war durch zwei parallele Gräben befestigt. (Foto: V. Rud)

Feldarbeiten in Stolniceni (Untersuchungsregion C)

In Zusammenarbeit mit der High Anthropological School Chişinău (S. Ţerna) und der Römisch-Germanischen Kommission Frankfurt a. M. wurden vom Juli bis September umfangreiche Feldarbeiten der Schlüsselfundstelle Stolniceni bei Edineţ im Nordwesten der Republik Moldau durchgeführt. Diese etwa 30 ha große Fundstelle gehört zu den größten Siedlungen dieser Region.

Bei den Untersuchungen wurden unterschiedliche Kategorien von Kontexten ausgegraben: Im Norden der Siedlung wurde die bereits früher begonnene Untersuchung eines kupferzeitlichen Töpfereikomplexes fortgesetzt. Dabei wurden ein Töpferofen und das Haus eines Töpfers einschließlich mehrerer Gruben, eines außerhäuslichen Arbeitsbereiches und zahlreichen Keramikgefäßen und Werkzeugen aufgedeckt. Die Ausgrabungen umfassten ferner die Sondierung eines Befestigungsgrabens, Testschnitte in mehreren Häusern und Gruben sowie die Untersuchung eines außerhalb der Siedlung gelegenen runden ‚aschehügel-artigen‘ Abfall-Areals (Ţerna et al. 2019).

Ausgrabung eines kupferzeitlichen Töpfereikomplexes in Stolniceni 2017
Abb. 11. Ausgrabung eines kupferzeitlichen Töpfereikomplexes in Stolniceni 2017. (Fotos: S. Ţerna, K. Radloff)

An den Feldarbeiten in Stolniceni nahm ein Team von Geophysikern des Teilprojektes G2 teil: Deren Ziel besteht darin, durch die verfeinerte und kombinierte Anwendung geophysikalischer Methoden zu verbesserten  Auswertungsmethoden archäo-magnetischer Pläne zu gelangen.

Geoelektrische Messungen in Stolniceni
Abb. 12. Geoelektrische Messungen in Stolniceni. (Foto: E. Corradini)

Geographischer Survey in Maidanetske (Untersuchungsregion A)

In Zusammenarbeit mit der Borys Grinchenko Universität Kyiv (Mykhailo Videiko) führte ein Team von Geographen der Kieler Universität um Rainer Duttman und Stefan Dreibrodt Untersuchungen zu Bodengenese und Landschaftsentwicklung in einem Bachtal in unmittelbaren Nachbarschaft der Schlüsselfundstelle Maidanetske durch. Dabei gelang es unter anderem, im Mündungsbereich dieses Baches in den Fluss Talianka ein Archiv für die Rekonstruktion langfristiger Landschaftsprozesse zu identifizieren und zu beproben. Die Auswertung dieser Archive ergab keinen zeitlichen Zusammenfall der kupferzeitlichen Siedlungsaktivitäten und Erosion dafür aber klare Koinzidenten zwischen Erosion und holozänen Klimaanomalien (Dreibrodt et al. 2019).

Untersuchung eines bodenkundlichen Ausschlusses in Maidanetske
Abb. 13. Studenten und Mitarbeiter des geographischen Instituts der Kieler Universität untersuchen einen bodenkundlichen Ausschluss in Maidanetske. (Foto: R. Duttmann)

Geophysikalischer Survey in Maidanetske (Untersuchungsregion A)

Ähnlich wie ein in Stolniceni testete ein Team von Kieler Geophysikern des Teilprojektes G2 an der Schlüsselfundstelle Maidanetske unterschiedliche geophysikalischen Methoden, durch deren Kombination archäologische Befunde zukünftig besser interpretierbar sein sollen. Für den Fundplatz Maidanetske wurde eine Methode entwickelt, bei der Grabungsergebnisse zu Eichung und Interpretation archäo-magentischer Pläne genutzt werden. Diese Methode erlaubt die Schätzung von Brandlehmmassen und abgeleitet davon u.a. die differenzierte Evaluierung unterschiedlicher  Konstruktionsweisen von Gebäuden.

Labor-Aktivitäten

Zeitgleich mit den Feldarbeiten in Maidanteske fanden im Tripolye-Museum Lehedzyne die Dokumentation der Funde aus den Grabungen von Maidanteske 2016 und weiterer Tripolye-Fundstellen statt. Dabei erfolgte unter anderem Beprobung von Keramik für Residue-Analysen (Zusammenarbeit mit Teilprojekt E1) und von menschlichen Knochen aus Sharin und Kosinivka für DNA-Analysen (Zusammenarbeit mit Teilprojekt F4).
 

Archäobotanische Feldarbeiten im Sommer 2017

Im Sommer 2017 wurde eine Ausgrabung im Norden Moldawiens an der Ausgrabungsstätte Stolniceni (Cucuteni-Kultur) durchgeführt. Unter den ausgegrabenen Kontexten befanden sich eine Behausung (Abb. 14a.) und eine Grube (Abb. 14b.). Das Schlämmen der Sedimentproben (jeweils 10 Liter) erfolgte vor Ort (Abb. 14c., Abb. 14d. Sieb mit 300 μm Maschenweite) und wurde im Frühjahr 2018 fortgesetzt (Abb. 14e., Abb. 14f.), als der vor-Cucuteni-zeitliche Fundort Nicolaevca ausgegraben wurde. Für die Vorsortierung der botanischen Makroreste wurde ein Feldlabor eingerichtet (Abb. 14g.). Außerdem wurden Phytolithproben (jeweils ca. 20 g) genommen.

Archäobotanische Fedarbeiten im Sommer 2017
Abbildung 14 a-h. Verschiedene Aufnahmen der archäobotanischen Feldarbeiten im Sommer 2017. (Fotos: M. Dal Corso & W. Kirleis)

Im Sommer 2017 war es bei der modernen Siedlung Stolniceni möglich moderne Weidehaltung (Abb. 15a.) und Lagerung von Heu und Stroh zu beobachten (Abb. 15b., Abb. 15c.). Dabei wurden einige Interviews durchgeführt, die sich auf traditionelle Bauweisen, wie die Verwendung von Roggenstroh (Abb. 15d.), bezogen . Viele Gebäude der Siedlung sind mit Lehmziegeln erbaut (Abb. 15e.), welche die ältere Flechtwerktechnik ersetzen. Lediglich ein verlassenes Gebäude war noch in Flechtwerktechnik errichtet worden (Abb. 15f. Wand in Flechtwerktechnik, Abb. 15g. Deckenkonstruktion in Flechtwerktechnik).

Die moderne Siedlung Stolniceni im Sommer 2017
Abbildung 15 a-g. Verschiedene Aufnahmen der modernen Siedlung Stolniceni im Sommer 2017. (Fotos: M. Dal Corso)
 

Archäologische Feldarbeiten 2018

Survey in der Region um Krychopil und in Bilyi Kamin bei Tschetschelnyk (study region B)

Unter Leitung von Vitalii Rud (NASU) wurden die im Frühjahr 2018 die Survey-Aktivitäten in der Microregion Krychopil fortgesetzt und auf die Fundstelle Bilyi Kamin in der Mikroregion Tschetschelnyk ausgeweitet. Unsere Aktivitäten schlossen die archäomagnetische Prospektion von sechs Fundstellen, die Ausgrabung eines Testschnittes in Bilyi Kamin und systematische Oberflächenbegehungen in der Krychopil-Micro-Region ein.

Blick auf die Fundstelle Bilyi Kamin während des Surveys im März 2018
Abb. 16. Blick auf die Fundstelle Bilyi Kamin während des Surveys im März 2018. (Foto: V. Rud)

In der Zusammenschau verraten die unterschiedlichen Survey-Aktivitäten signifikante regionale Unterschiede sowohl zwischen den Untersuchungsregionen A und B als auch innerhalb von Untersuchungsregion B. Während sich in der Micro-region-Chechelnik große Siedlungen konzentrieren und mit Bilyi Kamin (100 ha) auch eine der wenigen Mega-sites in der Region westlich des Südlichen Bugs vorliegt, fehlen in der Microregion um Krychopil nicht nur Siedlungen dieser Größenordnung sondern der gesamten Zeitperiode der Großsiedlungen.

Für die Mega-site Bilyi Kamin zeigen die archäo-magnetischen Untersuchungen, wie die Siedlung in einem Terrain mit erheblichen Höhenunterschieden angelegt worden ist. Dabei wurden Unregelmäßigkeiten der Siedlungsanlage in Kauf genommen, um monumentale kommunale Gebäude weithin sichtbar auf einem Geländesporn zu platzieren (Rud et al. 2019; Hofmann et al. 2019).

Grabung in Bilyi Kamin (Untersuchungsregion B)

Mit dem Ziel Materialien für Datierungen, typochronologische Untersuchungen und vergleichende funktionale, architektonische und ökonomische Untersuchungen zu gewinnen, wurden im Juni und Juli in der Schlüsselfundstelle Bilyi Kamin archäologische Ausgrabungen durchgeführt. Dabei wurde ein verbranntes Haus und sein Fundinventar vollständig ausgraben und zwei benachbarte Häuser sondiert (Rud et al. 2019).

Aufdeckung eines verbrannten Tripoyle-Hauses in Bilyi Kamin
Abb. 17. Aufdeckung eines verbrannten Tripoyle-Hauses in Bilyi Kamin. (Foto: V. Rud)

Archäobotanische Feldarbeiten im Sommer 2017 und Frühjahr 2018.

Im Sommer 2017 wurden neben Ausgrabungen und Schlämmen auch Surveys in der Landschaft durchgeführt, um geeignete palynologische Archive zu finden (Abb. 18a, Abb. 18b.) und die örtliche Vegetation zu erfassen. In dem Areal um die Fundorte überwiegt Acker- (Abb. 18e. Ackerkraut Adonis aestivalis, Abb. 18f. Helianthus annuus (Sonnenblume)) und Weideland (Abb. 18d.  mit Wiesenpflanze Linum usitatissimum) mit stellenweiser trockener Graslandvegetation (Abb. 18c. Federgras) an sonnigen Hängen.

Archäobotanische Feldarbeiten im Sommer 2017 und Frühjahr 2018
Abbildung 18 a-e. Verschiedene Aufnahmen der archäobotanischen Feldarbeitem im Sommer 2017 und Frühjahr 2018. (Fotos: M. Dal Corso & W. Kirleis)
 

Archäologische Feldarbeiten 2019

Archäologischer Survey in der Region Uman-Talne (Untersuchungsregion A)

In Kooperation mit der Boris Grinchenko Universität Kiew (Mihailo Videiko) und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften (NASU) (Vitalii Rud) wurden im Frühjahr Sondierungsgrabungen in der Umgebung von Talne und Uman durchgeführt (Apolianka, Rohy, Moshuriv 2, Talne 3). In Ergänzung zu früheren archäo-magnetischen Surveys (Rassmann et al. 2014; Ohlrau/Rud 2019), bestand das Ziel dieser Feldaktivitäten insbesondere darin, Material für radiometrische Datierungen, typo-chronologische Studien und naturwissenschaftliche Analysen zu gewinnen.

Kollegen vom Tripolye Museum Lehedzyne besuchen die Ausgrabung im Frühjahr 2019
Abb. 19. Kollegen vom Tripolye Museum Lehedzyne besuchen die Ausgrabung im Frühjahr 2019. (Foto: V. Rud)

Ausgrabungen in der Kyrchopil-Region (Untersuchungsregion B)

In Zusammenarbeit mit Kollegen der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften (NASU) (Vitalii Rud) und der Pädagogischen Hochschule Winnizia (Viktor Kosakivskyi) wurden im Juli Ausgrabungen in mehreren Siedlungen der Periode Tripolye B1-B2 in der Microregion Krychopil durchgeführt (Haryachkivka 3, 7 and 8). Diese Untersuchungen zielten unter anderem auf die Gewinnung von Proben für Datierungen und typochronologische Untersuchungen ab. Abgesehen von verbrannten Häusern wurden dabei mehrere  Gruben und hochmagnetische Anomalien von Töpferöfen der römischen Kaiserzeit untersucht. Aus der mit einem vermuteten öffentlichen Gebäude (Mega-Struktur) assoziierten Grube wurde unter anderem ein Tripolye-zeitlicher Kupferrest gefunden.

Ausgrabungen in der Schlüsselfundstelle Stolniceni (Untersuchungsregion C)

Mit einem internationalen Team wurden im August und September 2019 in der Schlüsselfundstelle Stolniceni erneut umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. Diese Feldaktivitäten konzentrierten sich auf die detaillierte Untersuchung und naturwissenschaftliche Beprobung von mehreren großen Gruben, die mit unterschiedlichen Kategorien häuslicher und kommunaler Gebäude assoziiert sind. Die Gruben wiesen teils komplexe Biographien auf und enthielten extrem reichhaltige Fundinventare, deren Auswertung unterschiedliche Proxies für die Rekonstruktion chronologischer, funktionaler, sozialer und ökonomischer Prozesse liefert.

Überblick über Teile der Siedlung Stolniceni
Abb. 20. Überblick über Teile der Siedlung Stolniceni mit zwei Gruben während der Ausgrabung 2019. (Foto: H. Prilitzki)

Labor-Aktivitäten

Um die in einer Pilotstudie mit Kollegen des Teilprojektes E1 durchgeführten Analysen von Rückständen in Keramik erzielten Ergebnisse adäquat interpretieren zu können, wurden in der Ukraine und Moldawien rezente Milch- und Fett-Proben von Rindern, Pferden, Schafen und Ziegen gesammelt.

Milch-Proben von rezenten Schafen, Ziegen und Pferden sollen dabei helfen, die Rückstände in kupferzeitlichen Gefäßen zu identifzieren
Abb. 21. Milch-Proben von rezenten Schafen, Ziegen und Pferden sollen dabei helfen, die Rückstände in kupferzeitlichen Gefäßen zu identifzieren. (Fotos: M. Shatilo)