SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Forschungsaktivitäten 2016-2019

Praktisch unmittelbar nach Anlaufen des SFBs wurde im Sommer 2016 während einer neunwöchigen Grabungskampagne in der südöstlichen der drei Siedlungen von Vráble eine Fläche von über 2000 qm geöffnet. Plan Kategorien
Abb. 1. Vráble. Grabungsfläche von 2016 mit den freigelegten neolithischen Strukturen. (Grafik: N. Müller-Scheeßel)

Dabei wurden die Überreste von insgesamt fünf bandkeramischen Häusern dokumentiert und umfangreiches Material für die vergleichende Analyse geborgen. Die Hausgrundrisse bestanden aus den typischen Reihen von drei parallelen Pfosten und den hausbegleitenden Längsgruben. Daneben wurden auch einige kegelstumpfförmige Gruben entdeckt, die vermutlich der Vorratshaltung dienten, sowie ein potentielles Grubenhaus.

Als herausragender Fund wurde aus einem der Pfostenlöcher ein Kern aus Obsidian geborgen. Research Activities Obsidian Kern
Abb. 2. Vráble. Obsidiankern aus einem Pfostenloch. (Zeichnung: Karin Winter)

Da die Pfostenlöcher ansonsten weitgehend fundfrei sind, kann man davon ausgehen, dass der kaum abgearbeitete Kern bewusst in dem Pfostenloch deponiert worden war, entweder bereits bei Anlage des Hauses oder bei seiner Demontage. Wie andere Geräte aus Obsidian verweist der Kern auf intensive Kontakte in die Ostslowakei, wo das Rohmaterial ansteht. Dies passt gut zu den in einigen Befunden angetroffenen Scherben der sogenannten „Bükker Keramik“, Research Activities Scherbe Bükkler Keramik
Abb. 3. Vráble. Scherbe der sogenannten "Bükker Keramik". (Foto: A. Heitmann)

die ihren Verbreitungsschwerpunkt ebenfalls im nordöstlichen Bereich der ungarischen Tiefebene und angrenzenden Regionen besitzt.

Neu in das Spektrum der Ausgrabungs- und Dokumentationsmethoden aufgenommen, erwies sich ein handelsüblicher Quadrokopter von außerordentlich großem Wert: Er ermöglichte nicht nur die Aufnahme der Grabungsfläche aus größerer Höhe, Drohnenfoto Research Activities Grabungsfläche
Abb. 4. Vráble. Luftbild der Grabungsfläche von 2017 mittels eines handelsüblichen Quadrokopters. (Foto: N. Müller-Scheeßel)

sondern beschleunigte auch die Dokumentation der großen freigelegten Flächen ungemein, da die damit aufgenommenen Serienaufnahmen für 3D-Fotogrammetrie („Structure from Motion“) ideal geeignet sind.

In Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt G2 (Geophysik) wurde im Frühjahr 2017 damit begonnen, bandkeramische Siedlungen außerhalb von Vráble aufzusuchen, zu begehen und geophysikalisch zu prospektieren. Prospection Research Activities
Abb. 5. Vlkas. Magnetische Prospektion der bandkeramischen Siedlung. (Foto: N. Müller-Scheeßel)

Sofern das Gelände nicht modern überbaut war, gelang es in den meisten Fällen, die aus der Literatur bekannten Fundplätze zu identifizieren. Durch systematische Begehungen an drei dieser Plätze konnte die Größe der Siedlungen eingegrenzt werden.

Tanja Funde Research Activities
Abb. 6. Tajna. Mittels GPS eingemessene Funde mit auf einer Heatmap basierenden Konturlinien der Funddichte. (Grafik: N. Müller-Scheeßel)

Geophysikalische Prospektionen an zwei Plätzen (Ulany, Vlkas) zeigten, dass sich auch außerhalb von Vráble die bandkeramischen Häuser anhand ihrer Längsgruben sehr gut identifizieren lassen.

Vlkas Funde Haeuser Research Activities
Abb. 7. Vlkas. Auf Grundlage der magnetischen Messung rekonstruierte bandkeramische Häuser mit eingemessenen Funden (rote Kreuze). (Grafik: N. Müller-Scheeßel)

Die Ausgrabungen des Jahres 2017 konzentrierten sich auf zwei Eingangsbereiche der die südwestliche Siedlung umschließenden Grabenanlage. Von dem mutmaßlichen Haupteingang wurde ferner ein 50 m langer und 2,5 m breiter Transekt zu den beiden nächstgelegenen Häusern angelegt. Bis auf eine 3 m tiefe Grube erwies sich der Transekt tatsächlich als befundfrei.

Spektakulär sind die Entdeckungen im Grabenbereich: Dort lagen in den und nahe der Eingangsbereiche die Reste von mindestens 15 menschlichen Individuen, die Zeugnis ablegen von komplexen Bestattungsritualen. Teilweise sind die Individuen mit Beigaben ausgestattet und ähnlich sorgfältig niedergelegt, wie man es aus zeitgleichen Gräberfeldern kennt. Skelett Research Activities Bones Knochen komplexe Bestattungsrituale
Abb. 8. Vráble. Eines der in Hockerlage niedergelegten Individuen mit umfangreichen Beigaben. (Foto: N. Müller-Scheeßel)

Bei anderen Individuen sind jedoch starke Knochenverlagerungen zu erkennen, oder die Individuen sind nur noch durch wenige Knochen repräsentiert, was darauf hindeutet, dass sie längere Zeit offen gelegen haben müssen. Dies zeigen auch Tierfraßspuren. Bei drei Individuen wurde schließlich der Schädel gänzlich entfernt. Da an den Halswirbeln keine Schnittspuren erkennbar sind, muss dies einige Zeit nach der Niederlegung erfolgt sein.

Mit diesem komplexen Bestattungsverhalten ist Vráble einzureihen in Fundorte wie Herxheim oder Asparn-Schletz, die an das Ende der Bandkeramik datieren und jeweils sehr unterschiedliche Möglichkeiten zeigen, mit den Toten umzugehen. Durch die Toten in oder nahe des Grabens erhält das Grabenwerk eine neue Dimension ritueller Art. Ist schon beim Graben auffällig, dass Eingänge zu den beiden anderen Siedlungen fehlen, scheint die Funktion der Anlage eng mit der rituellen Behandlung der Toten verknüpft, was der südwestlichen Siedlung ein weiteres Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Die Ausgrabungen begleitend, wurde in der südwestlichen Siedlung ein umfangreiches Bohrprogramm aufgelegt. Dieses hatte zum Ziel, möglichst viel mit der Radiokarbonmethode datierbares Material aus den Längsgruben zu gewinnen und damit die Laufzeit der jeweiligen Häuser zeitlich eingrenzen zu können. Insgesamt gelang es dadurch, weitere sieben Häuser zu datieren. Drei Ergebnisse sind für die Interpretation der Siedlungsentwicklung von Vráble besonders entscheidend: Erstens zeigt sich, dass die drei Siedlungen mehr oder weniger zeitgleich bestanden haben. Zweitens ist keine gerichtete Entwicklung feststellbar, d. h. dass die Hofplätze innerhalb der Siedlung autonom agiert haben. Und drittens erweist sich die Orientierung der Häuser als zeitlich empfindlich, was ganz neue Ansätze zur Interpretation magnetischer Pläne ermöglicht (s. u.).

Im Frühjahr 2018 wurden die Prospektionen in weiteren bandkeramischen Siedlungen des oberen Zitavatals fortgeführt. Insgesamt konnten so weitere fünf Siedlungsplätze vollständig oder teilweise erfasst werden.

Die Ausgrabungen im Sommer 2018 erfolgten in zwei kleineren Siedlungen des Žitavatals: Vlkas und Ulany, um vergleichende Einblicke in zwei Fundplätze außerhalb von Vráble zu gewinnen. Die Auswertung der Befunde und Funde ist derzeit noch im Gange.

Parallel zu den Ausgrabungen wurden wieder in Zusammenarbeit mit dem Teilprojekt G2 geophysikalische Prospektionen durchgeführt. Insgesamt sind nunmehr rund 2 qkm bandkeramische Siedlungsfläche im Zitavatal magnetisch prospektiert. Auf der Grundlage der automatisierten Analyse der Häuser lässt sich damit eine Rekonstruktion der Besiedlungsentwicklung nicht nur von Vráble, sondern des gesamten Zitavatals durchführen (s. u.).

Neben bandkeramischen Häusern wurden auch eindeutig jünger datierende Anomalien dokumentiert. Für die zukünftige Phasen des Projekts besonders relevant sind dabei die auf zahlreichen Flächen erfassten, rechteckigen Hausgrundrisse, die mutmaßlich dem lokalen Mittelneolithikum (Lengyel) zuzuweisen sind, sowie eine vermutlich frühbronzezeitliche Befestigungsanlage in Mana. Diese weist exakt dieselbe Größe wie die nur 2 km weiter südöstlich gelegene, sicher frühbronzezeitliche Anlage von Hul auf. Beide repräsentieren vermutlich frühe Entwicklungsstadien des bronzezeitlichen Zentralorts Vráble ‚Fidvar‘ und sind damit wichtige Referenzobjekte für die geplante dritte Phase des Teilprojekts C2.

Im Gegensatz zu den Vorjahren mit umfangreichen Feldaktivitäten steht das Jahr 2019 ganz im Zeichen der Aufarbeitung der Prospektionen und Ausgrabungen, um der Verpflichtung der zeitnahen Veröffentlichung der Ergebnisse nachkommen zu können.

Im Rahmen der Transformation der Landschaft konnten wir die Siedlungsgeschichte von Vráble klären. Zitavatal Hausanzahl Research Activities Siedlungsgeschichte
Abb. 9. Entwicklung der Siedlungen des Žitavatals aufgrund der Orientierung der Häuser. (Grafik: N. Müller-Scheeßel)

Zu Beginn der LBK-Besiedlung im Žitava-Tal (5300/5250 v. Chr.) ist Vráble nur eine von vielen anderen Siedlungen, aber ab etwa 5200 calBC steigt die Zahl der Einwohner stark an, und das auf Kosten der anderen Siedlungen im Tal. In seiner Blütezeit umfasste Vráble wahrscheinlich 50-60 Häuser, was mindestens 400-500 Einwohnern entspricht. Zwar bestehen auch andere Siedlungen bis zum Ende der LBK in der Region, jedoch nur auf einem sehr bescheidenen Niveau. Mit dem Ende der LBK um 4900 v. Chr. ist Vráble anscheinend verlassen, im Gegensatz zu anderen Siedlungen, in denen eine Kontinuität der Besiedlung zu bestehen scheint.

Die große Zahl der C14-Daten zeigt, dass die drei Siedlungen von Vráble lange Zeit nebeneinander existierten, wenn nicht gar während der gesamten Existenz von Vráble. Wir konnten auch feststellen, dass die im geomagnetischen Plan erscheinenden Häuserzeilen und Hauscluster nicht zeitgleich bestanden, sondern verschiedene Phasen einzelner Wirtschaftseinheiten darstellen, wie es das rheinische Hausplatzmodell vorschlägt. Vráble stellt damit eine großflächige Agglomeration geringer Dichte von wirtschaftlich und räumlich unabhängigen Gehöften dar. Die Dynamik der politischen Organisation muss durch das Zusammenspiel von mindestens 3 hierarchisch geordneten Instanzen bestimmt worden sein: dem Haushalt, der Nachbarschaft (d.h. den einzelnen 3 Siedlungen) und dem Standort als solchem.