SFB 1266 - TransformationsDimensionen

Phase 1 - Forschungsaktivitäten 2016-2020


B2: Transformationsprozesse spezialisierter Wildbeutergruppen



Teilprojektleitung: Dr. Harald Lübke, Dr. Ulrich Schmölcke, Dr. John Meadows, Dr. Sönke Hartz
Mitarbeitende: Dr. Daniel Groß
 

 

Forschungsagenda

Arbeitsgruppe B2
Abb. 1. Arbeitsgruppentreffen im Duvenseeer Moor (© ZBSA).

Das Projekt untersucht das Zusammenspiel sozialer und umweltbezogener Transformationen bei Jäger-und-Sammler-Gesellschaften während der Periode des Früh- und Mittelholozäns in Norddeutschland. Im Fokus steht der steigende menschliche Einfluss auf die Umwelt. Anhand der verfügbaren Daten wird das Verhältnis zwischen Umweltveränderungen, Wirtschaftsweisen, sozialer Organisation und menschlichem Einfluss auf die Umwelt erforscht.


Minimalinvasive Beprobung
Abb. 2. Minimalinvasive Beprobung von Archivmaterial für Radiokarbondatierungen (© ZBSA).

Transformationsprozesse mesolithischer Wildbeuter

Das frühe Holozän in der nordeuropäischen Tiefebene wurde traditionell als Periode stabiler Klimazone mit einigen kleineren Klimaschwankungen wahrgenommen. Lediglich das sogenannte 8.2-event wurde in Bezug auf seinen Einfluss auf mesolithische Gesellschaften diskutiert. Es fehlten jedoch direkte Beweise für dessen Auswirkungen auf die Kulturentwicklung wegen ungeeigneten Nachweisen oder Testmöglichkeiten sowie der ungenauen Datierung der bestehenden archäologischen, paläobiologischen und geologischen Chronologien und unzureichenden Verbindungen Umweltproxies. Fast alle Typochronologien für das Mesolithikum im Arbeitsbereich indirekt und somit keinen absoluten Datierungen zugeordnet, zudem war das Subsistenzspektrum nur sehr grundsätzlich verstanden.

Das Teilprojekt B2: „Transformationsprozesse spezialisierter Wildbeuter“ untersucht das Zusammenspiel sozialer und ökologischer Transformationen im frühen und mittleren Holozän in Norddeutschland mit einem Fokus auf den zunehmenden Einfluss des Menschen auf die Umwelt. Wir nutzen die verfügbaren Daten einiger gut untersuchter Mikroregionen zusammen mit neuen archäologischen und paläoökologischen Untersuchungen mit einem multiskalaren, regionalen Ansatz, der die Beziehung zwischen Umweltveränderungen, Subsistenzstrategien, Veränderungen in der sozialen Organisation und dem menschlichem Einfluss auf die Umwelt untersucht.

Forschungsergebnisse

Im Mesolithikum waren spezialisierte Jäger und Sammler hocheffiziente und in den meisten Fällen resiliente Gesellschaften. Sie regierten nicht nur auf ökologische Veränderungen, sondern verfügten über elaborierte Strategien, um sich an veränderte Umstände anzupassen. Entsprechend sind archäologisch sichtbare Reaktionen auf Veränderungen eher mit sozialen Reaktionen als mit Umwelteinflüssen verbunden. In unseren Studien während der ersten Phase des SFB 1266 konnten wir zeigen, dass frühmesolithische Gesellschaften auf sich verändernde Umweltbedingungen reagierten, indem sie ihre Beute- oder Waldbewirtschaftungsstrategien anpassten und neue Formen zur Aufrechterhaltung ihrer lokalen Versorgung erlernten.

Die Vorstellung einer kontinuierlichen, langfristigen Transformation ohne größere Schritte im Verlauf des Früh- und Mittelmesolithikums wird der komplexität der Prozesse nicht gerecht. Inzwischen ist klar, dass interne Faktoren (z.B. Territorien, Ideologien, kulturelle Praktiken) in mesolithischen Wildbeutergemeinschaften eine bedeutendere Rolle spielten als externe Aspekte (z.B. Umweltveränderungen). Natürlich sind beide Sphären eng miteinander verwoben und interagieren miteinander; sie müssen also gemeinsam analysiert werden.

In unserer ersten Schwerpunktregion im südöstlichen Schleswig-Holstein haben wir inzwischen die Typochronologie auf eine solide Basis gestellt und unsere Forschung im Duvenseer Moor fortgesetzt. Während wir durch die enge Zusammenarbeit mit F2 und G2 das Verständnis der Paläotopographie und der Vegetation verbessern konnten, wurde die archäologische Datenbasis durch Feldarbeiten mit Testausgrabungen an drei Standorten deutlich erweitert. Dies führte zur Entdeckung einer weitgehend ungestörten Siedlung (Duvensee WP 10) aus einer noch nicht dokumentierten Besiedlungsphase. Damit sind wir nun in der Lage, die Besiedlung der kleinen Inseln an der Westseite des prähistorischen Duvensees lückenlos vom Frühmesolithikum bis zum späten Mittelmesolithikum zu verfolgen. Zudem konnte in der Uferzone am südwestlichen Rand des ehemaligen Sees eine frühmesolithische Fundstelle (Lüchow LA 11) mit hervorragenden Erhaltungsbedingungen für organische Funde nachgewiesen werden. Bisher lieferten solche Uferstationen am Duvensee nur unstratifizierte Oberflächenfunde ohne weiteres Auswertungspotenzial.

Erhaltungsbedingungen in DuvenseeAbb. 1: Die Erhaltungsbedingungen in Duvensee sind nach wie vor gut, wie am Beispiel dieses Rehknochens zu erkennen ist, aber durch sinkende Wasserstände gefährdet (© ZBSA).

Wir haben gezeigt, wie Jäger-Sammler ihre Umwelt beeinflussten und dadurch Prozesse in Gang setzten, die nach und nach zu Veränderungen in ihrem (Jagd-, Sammel-) Verhalten und schließlich zu kulturellen Wandlungsprozessen führten. Bisher wurde dies in unserer Region nur theoretisch erörtert, nun konnten wir dazu erstmals detaillierte empirische Daten vorlegen.

Wir verstehen inzwischen auch besser, auf welche Weise der Mensch Ökosysteme zu seinem Nutzen veränderte und ausnutzte. Die Gewinnung von diesbezüglichen Daten (paläobotanische, archäozoologische, stabile Isotopen und andere) war eine unserer Hauptaufgaben. Die von uns erzielten Resultate zeigen anschaulich, dass das Mesolithikum mehrere Transformationen unterschiedlichen Charakters in Bezug auf Ernährung, Werkzeugtypen, Regionalisierung und Interaktionswege durchlaufen hat.

Es gibt also nicht eine einzige Transformation während des Mesolithikums, sondern mehrere weniger offensichtliche Transformationen in verschiedenen Bereichen menschlichen Lebens. Das Verständnis ihrer Interaktion wird in der zweiten Phase des Teilprojekts B2 ein entscheidender Aspekt sein, um zwischen jenen mit geringen und großen gesellschaftlichen Auswirkungen unterscheiden zu können. Wie sich gezeigt hat, sind einfache Ursache-Wirkung-Modelle für das Mesolithikum und inhärente Transformationen bislang überschätzt worden. Vielmehr haben die Menschen schon damals ihre Umwelt aktiv, bewusst und zielgerichtet verändert, gleichzeitig aber auch von den guten Bedingungen profitiert. Für das Verständnis der Transformationen im Mesolithikum ist es daher dringend erforderlich, den natürlichen und menschlichen Einfluss auf die Ökosysteme zu entflechten, bevor die Wirkung der verschiedenen Bereiche interpretiert werden kann.

Foschungsaktivitäten

2016

Das Hauptziel für 2016 bestand darin, das Forschungsprogramm zum Laufen zu bringen und einen Überblick über die verfügbaren Daten im südöstlichen Schleswig-Holstein zu erhalten. Ziel war es, in der Region einen Überblick der mesolithischen Besiedlungsgeschichte zu gewinnen.

2017

2017 haben wir archiviertes und neu aufgenommenes Material aus Südost-Holstein und unserem Kerngebiet, dem heutigen Duvenseer Moor, analysiert. Dies geschah, um eine feinaufgelöste Typochronologie des frühen Mesolithikums zu erreichen, die mesolithische Landschaft besser zu verstehen und mögliche Kernregionen für die mesolithische Besiedlung zu identifizieren. Die drei Hauptschwerpunkte waren:

1. Entnahme und Analyse neuer Proben aus den Archiven von Duvensee und Südost-Holstein. Um den typo-chronologischen Rahmen zu verfeinern und die Besiedlung im Duvensee-Moor detailliert zu verstehen, wurden über 80 neue Radiocarbon-Proben ausgewählt. Neue Proben aus Duvensee halfen darüber hinaus, archiviertes Material aus alten Ausgrabungen von verschiedenen Fundplätzen besser zu verstehen und in ihrer Aussagekraft einzuschätzen.

2. Neue Untersuchung in Duvensee. Wir haben zwei bisher nicht untersuchte Fundplätze ausgegraben, um Ansätze für deren Datierung zu erhalten und sie in den chronologischen Rahmen zu integrieren. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Teilprojekten F3 und G2 gelang es uns, die Vegetations- und Seeentwicklung am ehemaligen Duvensee besser zu verstehen.

SFb1266 Daniel Groß erläutert die Stratigraphie von Duvensee Wohnplatz 10.
Abb. 1. Daniel Groß erläutert die Stratigraphie von Duvensee Wohnplatz 10 (© ZBSA).

3. Datenverwaltung. Die riesigen Datenmengen aus früheren Ausgrabungen wurden sortiert, bearbeitet und neu formatiert, um eine effektivere Verwendung zu ermöglichen.

2018

Im Jahr 2018 haben wir unsere frühmesolithische Schlüsselregion im Südosten von Schleswig-Holstein durch Umfragen in der weiteren Umgebung erweitert und die Ausgrabungen im Duvensee-Moor fortgesetzt. Um sich ein Bild über das potenzielle Roaminggebiet zu machen, ist das Wissen über die ehemalige Hydrologie unerlässlich. Daher wurde im Landesarchiv mit alten Karten und Chroniken intensiv gearbeitet. Wir haben dies getan, um das Stecknitztal Stecknitz zu rekonstruieren, das den alten Duvensee mit dem Elbtal verband und somit ein weites Gebiet war, das für örtliche Urmenschen gut erreichbar war. Heute wird sie durch den Bau des Elbe-Lübeck-Kanals vor etwa 120 Jahren stark verändert. Die Untersuchungen hatten zum Ziel, Gebiete innerhalb des Stecknitztals Stecknitz zu entdecken, in denen frühe holozäne Sedimente potentiell erhalten geblieben sind und mit verirrten Funden menschlicher Artefakte aus dem Mesolithikum in Verbindung standen.

Die Ausgrabung in Duvensee dauerte vier Wochen und diente der Überprüfung der Konservierung und der Fundzusammensetzung am Wohnplatz 10. Neben sechs verschiedenen Merkmalen fanden wir mehr als 4.000 Stein-, Holzkohle- und botanische Funde. Die intensive Zusammenarbeit mit F2 und G2 führte zu großen Fortschritten beim Wiederaufbau des alten Seebodens und der Entwicklung der lokalen Vegetation. Es ist absehbar, dass das Verständnis der Region durch unser Teilprojekt erheblich verbessert wird, die Verbindung aller vorhandenen Daten jedoch noch nicht abgeschlossen ist.

Die Ausgrabung  brachte über 4000 Funde hervor.
Abb. 2. Die Ausgrabung brachte über 4000 Funde hervor (© ZBSA).

Ein weiterer relevanter Teil der Arbeit von B2 im Jahr 2018 war die Bewertung und Analyse des Materials von verschiedenen Fundplätzen aus dem Duvenseer Moor, die im Landesmuseum für Archäologie aufbewahrt werden. Wir haben die Digitalisierung von über 120 Karten und Zeichnungen von Duvensee Wohnplatz 11 abgeschlossen, die vorhandenen GIS-Modelle verbessert und die Erfassung der lithischen Artefakte fortgesetzt, so dass eine Verbindung von Fundstücken und Plänen endlich möglich ist.

Generell setzten wir unser Arbeitsprogramm fort und erweiterten unsere Fokusregion für Phase 1 (Duvensee) auf die angrenzenden Regionen. Die Erfassung und Datierung mehrerer Artefakte lieferte zum ersten Mal eine solide Typochronologie und damit Informationen über die Frequenz und Geschwindigkeit von Artefakt- und Kulturwandel im frühen Holozän. Die Daten aus der Region zeigen interessante Lücken zwischen den verschiedenen Werkzeugtypen, die mit klimatischen Ereignissen einhergehen (Bond-Ereignis 5 und 6). Folglich erreichten wir nun eine Datenbasis, um bspw. die Auswirkungen der verschiedenen Klimaereignisse auf sozio-kulturelle Entwicklungen testen können.

Eine der datierten Hirschgeweihäxte vom Fundplatz Travenhorst.
Abb. 3. Eine der datierten Hirschgeweihäxte vom Fundplatz Travenhorst (© ZBSA).

Darüber hinaus sind wir in der geplanten Fokusregion für Phase 2 (Friesack, Brandenburg) mit ersten Untersuchungen zum Material der alten Ausgrabungen aus den 1980er Jahren unter Leitung von B. Gramsch voran geschritten. Wir führten unsere archäozoologischen Untersuchungen und in enger Zusammenarbeit mit F4 weitere Radiokohlenstoff-, Stabile Isotopen- und aDNA-Analysen von menschlichen Überresten aus Friesack 4 durch, um frühmesolithische Subsistenzstrategien zu rekonstruieren. Erste Vergleichsmodelle zur Diversität und Transformation von Subsistenzstrategien im norddeutschen Frühmesolithikum sind entwickelt worden.

Ergänzend haben wir die Untersuchungsergebnisse unseres früheren DFG-Projekts „Hohen Viecheln“ (DFG-Projektnummer 271652103), das einen Vorläufer unserer aktuellen B2-Forschung bildete, für einen Abschlussbericht zusammengefasst, der 2019 in einem Sammelband veröffentlicht wird und dessen Daten für unsere oben genannten vergleichenden Untersuchungen an frühmesolithischen Inventaren verwendet werden.

2019

Nach zwei erfolgreichen Kampagnen im modernen Torfmoor am Fundort Duvensee WP 10, war es 2019 das Ziel, unsere Surveyarbeiten in diesem Gebiet abzuschließen. Drei verschiedene mesolithische Fundorte wurden durch kleine Testschnitten untersucht: Lüchow LA 11 ist ein Seeuferfundort, in dem Jagd und Fischerfang nachgewiesen werden konnten. Die Ausgrabung zeigte, dass intakte Abfallschichten vorhanden sind. Während der kleinen Ausgrabung wurde ein vollständig bearbeitetes Holzartefakt entdeckt, das einem noch unbekanntem Verwendungszweck diente, sowie mehrere Hinweise auf intakte Abfallschichten, die sich unter Wurzeln von Kiefern befanden, die dort gewachsen sein müssen, nachdem der Seespiegel im frühen Holozän gefallen war. Ein weiterer kleiner Testschnitt wurde am Fundort Duvensee WP 2 untersucht. Dabei handelt es sich um den bisher ersten Fundort, der am alten Lake Duvensee ausgegraben wurde. Ziel dieser Forschung war es, festzustellen, ob noch ungestörte Schichten vorhanden sind, und neues Probenmaterial zu gewinnen. Auch hier wurden klare Hinweise auf Jagd gefunden. Außerdem wurden zwei Wochen lang Forschungen am Fundort Duvensee WP 10 durchgeführt. Dieser Fundort wurde bereits 2017 und 2018 untersucht und ist weitgehend ungestört. Im Jahr 2019 war das Ziel, archäologische Ergebnisse und die geoRADAR-Messungen des Teilprojekts G2 zu vergleichen. Die Ausgrabung zielte entsprechend auf einen Bereich der Fundstelle, der in den geophysikalischen Ergebnissen als kleine Vertiefung interpretiert wurde. Diese Interpretation stellte sich als korrekt heraus und es konnte eine weitere litorale Müllschicht des Fundortest festgestellt werden, in der mehrere Tierknochen erhalten waren. Damit konnte der eindeutige Nachweis erbracht werden, dass das Gelände für die Jagd und zur Röstung von Haselnüssen genutzt wurde.

Neben der Feldarbeit wurden die Ergebnisse auf mehreren Konferenzen vorgestellt und die Mitarbeiter des B1-Teilprojektes nahmen an mehreren Workshops teil. Zusätzlich wurde die Publikation des Buches " Working at the Sharp End: From bone and antler to Early Mesolithic Life in Europe " vorbereitet.

Dokumentation des Profils in Duvensee WP 2
Abb. 4. Dokumentation des Profils in Duvensee WP 2. (© Sigrid Alræk Dugstad)

Ablagerung eines Schleifsteins, eines gelenkigen Elchfußknochens und eines Schlagsteins
Abb. 5. Ablagerung eines Schleifsteins, eines gelenkigen Elchfußknochens und eines Schlagsteins. (© ZBSA)